Energieverbraucher schimpfen

"Sehr großkotziges" Steinbrück-Honorar

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Peer Steinbrück hat für einen Vortrag bei den Stadtwerken in Bochum 25.000 Euro kassiert.

Düsseldorf/Bochum - Die Stadtwerke Bochum geraten wegen einer Zahlung von 25 000 Euro an SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in die Kritik.

Ein kommunales Energie-Unternehmen solle Gewinne an die Stadt abführen statt das Geld „für sehr großkotzige Honorare auszugeben“, sagte der Vorsitzende des Bundes der Energieverbraucher, Aribert Peters, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. Steinbrück war vor einem Jahr beim „Atriumtalk“ der Stadtwerke aufgetreten. Das Thema wird das Präsidium des Stadtwerke-Aufsichtsrats in der kommenden Woche beschäftigen.

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Die einzige Wahl, die Peer Steinbrück bisher bestreiten musste, hat er verloren. Mit 65 Jahren wagt er von der Hinterbank nochmals den großen Sprung. © dpa
Steinbrück tritt als Kanzlerkandidat der SPD gegen Angela Merkel an. © dpa
In diesem Jahr sind gleich drei Steinbrück-Biografien erschienen. Die beiden Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner bezeichnen Steinbrück als einen der „zweifellos interessantesten Politiker dieser Jahre“. © dpa
Eine Gefahr für ihn ist immer sein loses Mundwerk. © dpa
Als Bundesfinanzminister (2005 bis 2009) bewegte er durch unbedachte Äußerungen schon mal die Märkte. Der Schweiz drohte er, selbstbewusst wie er nun mal ist, in Sachen Schwarzgeld mit der Kavallerie. © dpa
Geboren am 10. Januar 1947 in Hamburg, wächst er in einem eher konservativen Elternhaus auf, erst 1969 schwenkt der Vater wegen Willy Brandt auf die SPD um. © dpa
Seinen eigenen trockenen Humor führt er auf seine Großmutter zurück - jüngst antwortete er einem Journalisten auf Fragen, ob er dieses oder jenes ausschließe: „Steinbrück schließt nicht aus, dass er Hundefutter isst“. © dpa
Als Schüler hatte er Flausen im Kopf. Neben Griechisch und Latein ist ausgerechnet Mathe ein Problem. Zweimal bleibt er sitzen. Statt zu lernen, schießt er Lehrern lieber aus dem Paternoster heraus mit einem Blasröhrchen Erbsen auf die Beine. © dpa
Das Ende der Schulzeit empfindet er als Befreiung. Seine Klassenarbeiten verbrennt Steinbrück nach dem Abi im Ofen. © dpa
Zum Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften geht er nach Kiel. © dpa
Seine politische Karriere beginnt 1974 im Bundesbauministerium und führt ihn in das Forschungsministerium und als Referent in das Bonner Bundeskanzleramt. © dpa
Dort regiert Helmut Schmidt, der ihn geeignet hält für den Job des Regierungschefs. Von 1986 bis 1990 leitet er das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Anschließend ist Steinbrück bis 1998 in Kiel, unter anderem als Wirtschaftsminister. © dpa
Dann kehrt er nach Nordrhein-Westfalen zurück. Nach Stationen als Wirtschafts- und Finanzminister wird er 2002 als Nachfolger des nach Berlin gewechselten Wolfgang Clement Ministerpräsident. © dpa
2005 wird Steinbrück trotz der Wahlniederlage gegen die CDU zum Finanzminister in Berlin berufen. © dpa
Im Oktober 2008 verkündet er mit Angela Merkel die berühmte Garantie für alle deutschen Spareinlagen. Eines macht er heute klar: Sollte er nicht Kanzler werden, geht er auf keinen Fall nochmals als Juniorpartner in ein Kabinett Merkel III. © dpa
Verheiratet ist er mit einer Lehrerin (links im Bild Ehefrau Gertrud). Sie haben drei erwachsene Kinder. Steinbrück ist ein Schnellleser und begeisterter Cineast. Und Peer Steinbrück ist leidenschaftlicher Sammler von Schiffsmodellen. © dpa
Dass der bald 66-Jährige so richtig will und die bisher unangreifbare Merkel mit Hilfe der Partei stellen möchte, wurde zuletzt beim Zukunftskongress der SPD-Fraktion sichtbar. Er hielt eine für ihn überraschend sozialdemokratische Rede. © dpa
Die nervösen Reaktionen der Union auf sein Papier zur Bändigung der Finanzmärkte zeigten, dass er hier für die SPD einen möglichen Wahlkampfschlager gefunden hat. © dpa
Mit seiner „klaren Kante“ ist er sicher der Kandidat, der Merkel am gefährlichsten werden wird. © dpa

Um die Zahlung gibt es Verwirrung. Nach Darstellung der Stadtwerke war das Geld für eine Stiftung oder gemeinnützige Organisation bestimmt und nicht als Vortragshonorar für Steinbrück gedacht. Dem widerspricht die SPD. Von einer Spende sei zu keinem Zeitpunkt die Rede gewesen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat beim Prüfen des Schriftwechsels zwischen Steinbrück und einer Bochumer Medienagentur, die die Vereinbarungen abwickelte, keinen Hinweis auf eine Spenden-Absprache entdeckt. Im Angebot der Agentur an Steinbrück heiße es ohne jede Einschränkung, er solle für seinen Auftritt „die Reisekosten und ein Honorar in Höhe von 25 000 Euro erhalten“, berichtete die Zeitung (Freitag).

Stadtwerke-Sprecher Thomas Schönberg hatte zuvor versichert: „Wir haben zu keiner Zeit Herrn Steinbrück irgendein Honorar gezahlt.“ Die Gäste des „Atriumtalks“ würden mit der Maßgabe eingeladen, an karitative Einrichtungen zu spenden. Am Freitag war Schönberg nicht zu sprechen. Die Stadtwerke äußerten sich in dieser Angelegenheit nicht mehr, sagte eine Mitarbeiterin der Presseabteilung auf dpa-Anfrage.

Auch die Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, Ottilie Scholz, die auch Parteifreundin Steinbrücks und Oberbürgermeisterin der verschuldeten Revierstadt ist, sowie die Bochumer Medienagentur äußerten sich zunächst nicht. Auf Initiative der Aufsichtsratschefin werde das Präsidium nächste Woche aber zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um die Hintergründe der Angelegenheit lückenlos aufzuklären, sagte Stadtsprecher Thomas Sprenger.

Die Bochumer Stadtwerke konnten in den vergangenen Jahren stets zweistellige Millionengewinne erwirtschaften - 2011 in Höhe von rund 30 Millionen Euro. Sie haben von der Stadt Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge übertragen bekommen.

Diese Abgeordneten verdienen am meisten dazu

Peer Steinbrück, SPD: Mindestens 1.250.000 EuroDer Kanzlerkandidat der SPD verdiente sich auf zahlreichen Vorträgen und Reden nebenbei etwas dazu. © dpa
Michael Glos, CSU: Mindestens 546 000 Euro.Allein zwei Beratertätigkeiten unter anderem für einen US-Investor bringen dem Ex-Wirtschaftsminister mindestens 7000 Euro im Monat. Dazu kommen eine Reihe von bezahlten Aufsichtsrats- und Beiratssitzen bei Banken oder wie neuerdings etwa beim Verband der russischen Wirtschaft in Deutschland. © dpa
Heinz Riesenhuber, CDU: Mindestens 380 000 Euro.Der frühere Forschungsminister sitzt seit Jahren in einer Vielzahl von Aufsichtsgremien von Unternehmen. Allein als Vize-Vorsitzender des Verwaltungsrats der Schweizer Firma HBM Healthcare kassierte der Alterspräsident des Bundestags in dieser Wahlperiode bislang mehr als 200 000 Euro. © dpa
Rudolf Henke, CDU: Mindestens 315 000 EuroDer Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund sitzt in mehreren Beiräten etwa von Versicherungen und Unternehmen. © dpa
Frank Steffel, CDU: Mindestens 288 000 EuroDer Berliner bezieht seine beträchtlichen Nebeneinkünfte vor allem aus seiner verzweigten Firmengruppe oder etwa als Beirat einer Spielbank. © dpa
Peter Wichtel, CDU: Mindestens 218 000 EuroDer Verkehrspolitiker ist unter anderem als Angestellter bei der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport AG aktiv. © Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde
Franz-Josef Holzenkamp, CDU: Mindestens 213 000 EuroDer Bauernfunktionär und Landwirt sitzt mit lukrativen Mandaten in zahlreichen Beiräten der Agrar-Branche. © dpa
Norbert Schindler, CDU: Mindestens 211 000 EuroLang ist auch die Nebenjob-Liste des Präsidenten des Bauernverbands von Rheinland-Pfalz. Als Aufsichtsrat des Bioethanol-Anbieters CropEnergies AG kommt er auf etwa 20 000 Euro pro Jahr. © dpa
Patrick Döring, FDP: Mindestens 185 000 EuroAllein als Aufsichtsratsmitglied des Staatsunternehmens Bahn verdiente er 2011 rund 32 000 Euro. Monatliche Zusatzeinkünfte bezieht der FDP-Generalsekretär etwa als Vorstandsmitglied einer Krankenversicherung für Haustiere. © dpa
Rolf Koschorrek, CDU: Mindestens 183 000 EuroDer CDU-Gesundheitspolitiker brachte es seit 2009 auf über 30 Vorträge vor allem bei namhaften Pharmafirmen. Bezahlen ließ er sich etwa auch die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion der Dental-Industrie. Dazu sitzt der Zahnarzt und Präsident des Bundesverbands der Freien Berufe in über einem halben Dutzend © Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde
Michael Fuchs, CDU: Mindestens 155 500 EuroGefragt ist auch der Fraktions-Vize aus Koblenz als bezahlter Redner - etwa in der Botschaft Aserbaidschans in Berlin - oder als Mitglied in Beiräten. © dpa

Diese öffentliche Aufgabe sei mit der Verschwendung von Geldern für horrende Vortragshonorare nicht vereinbar, kritisierte Peters. „Das ist absurd und wirft viele Fragen auf.“ Es sei zu vermuten, dass es in diesem Bereich „eine erhebliche Grauzone“ in den Stadtwerken gebe, über die auch die Aufsichtsräte im Einzelnen kaum informiert würden. „Da hat sich eine Moral eingeschlichen, die nicht in Ordnung ist.“

dpa

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