HNA-Interview

Enttäuschung in Griechenland: „Tsipras hat nicht hart genug verhandelt“

Giorgos Velegrakis. Foto: privat/nh

Giorgos Velegrakis war bis vor kurzem Mitglied der Syriza Partei. Der 30-jährige Grieche ist über eine linke Studentenbewegung zur Partei gestoßen.

Nun hat er sich von Ministerpräsident Alexis Tsipras und Syriza abgewandt. Die Zustimmung der Regierung zu den neuen Sparauflagen hält er für falsch. Unser Redakteur Florian Quanz sprachen mit ihm über Syriza und mögliche politische Entwicklungen in Griechenland nach der Wahl im September.

Herr Velegrakis, Sie gehören zur jungen Generation in Griechenland, die sich politisch engagiert und waren für Syriza aktiv. Wie sind Sie zur Partei gestoßen? 

Giorgos Velegrakis: Syriza ist entstanden aus unterschiedlichen sozialen Gruppen und Bewegungen. Ich war in der linken Studentenbewegung aktiv und bin so zu Syriza gestoßen. Die Partei hat in der Vergangenheit viele Demonstrationen organisiert und der linken Bewegung ein gemeinsames Sprachrohr verliehen.

Ist das heutige Problem von Syriza, das die Partei aus vielen kleinen Gruppen entstanden ist? 

Velegrakis: Das grundlegende Problem ist eigentlich viel mehr der Spagat zwischen der jetzigen Regierungsverantwortung und der Rolle, die zuvor Syriza in der Parteienlandschaft gespielt hat. Von der Protestbewegung heraus in die Verantwortung zu kommen, ist kein leichtes Unterfangen. Es geht vor allem dann schief, wenn man Rettungspaketen mehrheitlich zustimmt, die man zuvor abgelehnt und politisch bekämpft hat. Zudem muss man sich klar machen, dass die Linke in Griechenland nie zuvor an der Macht war. Mit der neuen Rolle muss man erst einmal klar kommen.

Dass es gerade nicht gut für Tsipras läuft, sieht man ja auch daran, dass viele gerade die Partei verlassen. Sie mit eingeschlossen. 

Velegrakis: Syriza hat ein Referendum abgehalten, bei dem 62 Prozent gegen die Sparauflagen der Geldgeber gestimmt und eine neue Politik gefordert haben. Anschließend stimmt die Regierung nach Verhandlungen aber einem dritten Hilfspaket und neuen Auflagen zu. Das passt nicht zusammen. Tsipras hat nicht hart genug verhandelt. Er hat nicht alle Waffen auf den Tisch gelegt. Hätte er mit dem Austritts Griechenland aus der Euro-Zone gedroht, wären die Verhandlungen vielleicht anders gelaufen. Denn auf einen Austritt Griechenlands sind die anderen Länder meiner Meinung nach gar nicht vorbereitet.

Sind Sie enttäuscht, dass führende europäische Sozialdemokraten sich nicht für eine neue Sparpolitik für Griechenland eingesetzt haben? Eine, die auch mehr Investitionen in die Wirtschaft vorsieht. 

Velegrakis: Natürlich. Es hat sich leider gezeigt, dass sie nicht genug Durchsetzungsvermögen haben, Merkels Politik etwas entgegenzusetzen. Aber demnächst wird in Spanien gewählt und das kann die politische Landschaft weiter zu Gunsten einer linken Politik in Europa verändern. Darauf hoffe ich auf jeden Fall.

Auch in Griechenland wird im September neu gewählt. Was für ein Ergebnis erwarten Sie dann für Syriza? 

Velegrakis: Ich gehe davon aus, dass die jetzige Regierung ihre Mehrheit verliert und Tsipras sich neue Koalitionspartner sucht. Pasok (Sozialdemokratische Partei) wäre ein möglicher neuer Partner. Aber auch ein anderes Szenario ist denkbar. Tsipras geht gestärkt aus der Wahl hervor. Nicht unmöglich, denn es gibt derzeit keine Wechselstimmung im Land.

Sie werden aber nun keinen Wahlkampf mehr für Syriza machen. 

Velegrakis: Ich bin dabei mit vielen anderen aus der Jugendorganisation von Syriza eine neue Partei zu gründen.

Zur Person: 

Giorgos Velegrakis (30) ist in Athen geboren und lebt noch heute dort. Nach seinem Abitur hat er Politikwissenschaften an der Athener Universität studiert. Velegrakis ist ledig und derzeit arbeitslos.

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