Interview: Bundesnetzagentur-Chef Homann zum gestoppten Antrag für die Südlink-Hochspannungstrasse

Erdkabel: „Es wird großzügiger“

Kassel. Wo immer Stromnetzbetreiber Tennet in der Region mit seinen Südlink-Plänen auftaucht, sind Debatten garantiert: Neue Hochspannungsleitungen, die die Energiewende bringt, will kaum jemand gern vor der Haustür.

Mit Chancen und Risiken von Freileitungen und Erdverkabelung befasste sich am Mittwoch eine Tagung in Kassel. Mit dabei: Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. Wir sprachen mit ihm.

Herr Homann, Tennet hat Ende 2014 seine Vorschläge für die Südlinktrasse Wilster - Grafenrheinfeld, die durch unsere Region führen soll, vorgelegt. Sie haben sie zurückgeschickt - Note ungenügend. Warum? 

Jochen Homann: Naja, mit Note mangelhaft würde ich sagen. Vieles ist unzureichend begründet, etwa wie Tennet zum Vorschlag mit der Vorzugsvariante aus Südniedersachsen westlich an Kassel vorbei kommt. Umweltauswirkungen und andere Konflikte werden nicht deutlich genug beschrieben. Bewertungsmaßstäbe bleiben unklar, etwa die, wie das Unternehmen mit Trassenvorschlägen Dritter umgeht. Hier wird der Antrag aktuell von Tennet überarbeitet und präzisiert. Wir gehen heute davon aus, dass die Antragskonferenzen zu Südlink frühestens im ersten Quartal 2016 stattfinden werden.

Wird nicht die Zeit knapp? 2022 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden.

Homann: Wenn bis dahin nicht alle Netzinfrastrukturvorhaben fertig gestellt sind, wird das jedenfalls finanzielle Auswirkungen haben. Schon jetzt fallen jährlich Kosten in dreistelliger Millionenhöhe an, um das Netz mit Redispatchmaßnahmen zu entlasten. Das wird dann deutlich zunehmen. Durch die stark zunehmende Zahl von Eingriffen steigt auch das Risiko, dass irgendwann etwas schief geht.

Wenn Tennet nun nachbessert - was springt für Anlieger heraus? Mehr Erdverkabelung? 

Homann: Da ist - unabhängig von der Südlink-Planung - eine großzügigere Regelung in Sicht. Die Gesetzesänderung wird derzeit debattiert. Das geht bis zur Forderung nach Vorrang für Erdkabel statt Freileitung. Es wird sehr viel großzügiger - im Zweifel auch für Südlink. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass Erdkabel nicht alle begeistern. Landwirte etwa sind skeptisch.

Wird eine zweite Südlink-Stromautobahn, die von Brunsbüttel nach Großgartach, ebenfalls durch Südniedersachsen und Nordhessen führen? Mit weiteren Masten? 

Homann: Die erste Leitung hat Tennet beantragt. Die zweite steht im Gesetz - wo sie genau entlang führen wird, ist noch völlig offen. Beide auf einem Gestänge zu führen, ist aber eine Option. Wir haben Tennet immer gesagt, beide Leitungen früh zu kommunizieren.

Kritiker sagen, das Geld sollte besser in Stromspeicher und dezentrale intelligente Netze fließen. Was sagen Sie? 

Homann: Diese Speicher sind erst am Anfang ihrer Entwicklung. Wir müssen aber jetzt über die Infrastruktur der kommenden Jahre entscheiden. Speicher, die heute absehbar sind, haben wir in den Netzplanungen im Übrigen berücksichtigt. Auf lange Sicht ist beides relevant: Neue Leitungen und Speicher.

Südlink quer durch die Region

Die Energiewende bringt ein Netz neuer Hochspannungsleitungen. Der Volksmund nennt sie gern Stromautobahnen. Die Strippen sollen unter anderem Windstrom, den es im Norden zeitweise zu viel geben wird, nach Süden bringen. Dort brauchen Bayern und Baden-Württemberg nach Abschalten der letzten Atomkraftwerke neue Energiequellen. Drei der Leitungstrassen dürften durch unsere Region führen: zwei Südlink-Projekte von Wilster bei Hamburg nach Grafenrheinfeld in Bayern und von Brunsbüttel an der Elbe nach Großgartach in Baden-Württemberg, als kleineres Projekt eine Leitung von Wahle in Niedersachsen (zwischen Hannover und Wolfsburg) nach Mecklar nördlich von Bad Hersfeld. Wo immer Netzbetreiber mit ihren Plänen durchwollen, gibt es Unmut über die 70-Meter-Masten: Nicht bei uns, weiter weg vom Dorf, wenn, dann unterirdisch - so lauten Einwände. (wrk)

Zur Person

Jochen Homann (61) hat Volkswirtschaftslehre studiert. Er war im Bereich Wirtschafts-, Struktur- und Finanzpolitik in verschiedenen Verwendungen im Bundeskanzleramt, bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Brüssel sowie im Bundeswirtschaftministerium tätig - dort zuletzt als Staatssekretär. Seit 2012 ist Homann Präsident der Bundesnetzagentur. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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