Erfahrungen aus der DDR: Wer diskutiert, wird weggesperrt

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Rotenburg. Heinz Blobner, ehemaliger Häftling in Bautzen, erzählte Schülern der Jakob-Grimm-Schule von seinen Erfahrungen während der DDR-Diktatur.

Heinz Blobner ist ein bescheidener Mann. In all den Jahren, in denen er im Westen lebte, hat er niemandem von seinem Schicksal erzählt. In jungen Jahren wurde er zu Unrecht als Staatsverräter verurteilt und dafür ins Gefängnis gesperrt. Er wollte kein Freiheitskämpfer sein, nur reden und lesen wollte er. Wie es zu seiner Verhaftung kam, schildert der pensionierte Lehrer Schülern des Leistungskurs Geschichte. Heinz Blobner erzählt von seinem Leben in der DDR. Er stand dem Regime kritisch gegenüber, aber an Flucht dachte er nicht.

Die geistigen Verhältnisse in der DDR waren sehr beengt, erinnert sich Blobner. Sein Bruder lebte in Westdeutschland. Ihn besuchte er häufig. Um der geistigen Enge zu entfliehen, brachte er von seinen Reisen in den Westen Literatur mit, die er an Freunde weiterreichte. Die Schüler wundern sich und fragen Blobner, wie es möglich war, zu reisen. Man konnte vor dem Mauerbau 1961 nach dem Westen fahren. Es war die Achillesferse des Regimes, dass nicht überall kontrolliert werden konnte, erklärt er. Mit seinem Studienfreund Arno Seifert gründete er 1957 einen Diskussionskreis. In privaten Runden wollten sie gesellschaftspolitische Fragen diskutieren. Die Freunde teilten Referatsthemen untereinander auf. Eine Banalität Heinz Blobner bereitete einen Vortrag zur Wiedervereinigung vor. Er diskutierte das Thema mit seinen Freunden. Wurden Sie denn nicht bespitzelt? will eine Schülerin wissen. Nein. Uns hat niemand verpfiffen. Alles flog wegen einer Banalität auf, stellt Blobner fest. Es geschah eine Reihe von Zufällen.

Ein halbes Jahr nach seinem Vortrag fuhr er in den Westen. Dort schrieb er einen Brief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung und bat um ein Abonnement. Tatsächlich gelangte die Zeitung zu Blobner in den Osten, wo er sie an Freunde weitergab. Kurze Zeit später wurde einer seiner Freunde wegen Verbreitung von Hetzschriften verhaftet. Die Spur führte zu Blobner. Die Polizei fand das Referat zur Wiedervereinigung und beschuldigte ihn, eine staatsfeindliche konterrevolutionäre Studentengruppe gegründet zu haben. Das Bezirksgericht Halle verurteilte ihn 1958 wegen Staatsverrats zu sieben Jahren Gefängnis. Obwohl klar war, dass Blobner nie Aktionen gegen den Staat geplant hatte.

ZUR PERSON Heinz Blobner wurde 1934 in Nordböhmen geboren. Die Familie Blobner kam 1945 nach Sachsen. Nach dem Abitur 1953 studierte er Geschichte und Geographie an der Martin-Luther-Universität in Wittenberg. Mit dem Philosophiestudenten Arno Seifert gründete er 1957 einen Diskussionskreis.

1958 wurde Blobner vom Bezirksgericht Halle wegen Staatsverrats zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war in Naumburg und Bautzen inhaftiert. Die westdeutsche Regierung unter Ludwig Erhard kaufte Blobner 1964 frei. Das Landgericht Halle rehabilitierte ihn 1992. Blobner war von 1975 bis 1996 Ausbildungsbeauftragter am Studienseminar I in Kassel. Als Fachleiter für Erdkunde betreute er Referendare der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg. (mgx)

Im Knast Bügeln gelernt

Mit 23 Jahren saß Blobner nun in der Strafvollzugsanstalt Bautzen I. Wie haben Sie die Zeit dort überstanden? , wollen die Schüler wissen. Ich konnte mir ein paar Bände zur Kunst- und Wirtschaftsgeschichte besorgen, die haben mich die ganzen Jahre begleitet. Außerdem musste ich viel arbeiten, das hat mich abgelenkt. In der Knastwäscherei lernte ich bügeln, darüber ist meine Frau heute noch froh. In der Minna nach Westen Besonders schlimm war für ihn die Zeit nach dem Mauerbau 1961, als er befürchtete nie mehr nach Westberlin reisen zu können, erinnert sich Blobner. Die Vorstellung als Straßenkehrer in Bautzen zu enden, war schrecklich, erzählt er. Aber am 3. August 1964 kam zum Glück alles anders: Blobner wurde in einen Gefängnisbus gesetzt. Ich wusste nicht was los war. In Handschellen wurden wir in der grünen Minna abtransportiert. Ein Beamter des Staatssicherheitsdienstes fragte Heinz Blobner wohin er ausreisen wolle. Nach dem Westen, antwortete er. Daraufhin holte ihn Rechtsanwalt Wolfgang Vogel ab und brachte ihn nach Westberlin. Die westdeutsche Regierung hatte ihn frei gekauft. Er selbst hatte davon nichts gewusst. (mgx)

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