Weitere erhöhte Krebsrate in niedersächsischer Gemeinde

Stephan Weil

Steimbke. In der niedersächsischen Erdöl- und Erdgasregion zwischen Bremen und Hannover beschäftigt mit Steimbke (Kreis Nienburg) eine weitere Samtgemeinde mit auffällig erhöhter Krebsstatistik Einwohner und Politik.

Zwischen 2005 und 2013 wurden laut Krebsregister Niedersachsen (EKN) 46 Lymphom- und Leukämieneuerkrankungen diagnostiziert. Statistisch erwartbar wären 36,2 Fälle. In Rodewald, das zu Steimbke gehört, gab es 20 Lymphom- und Leukämieneuerkrankungen. Statistisch erwartbar wären in dem 2500-Einwohner-Ort 12,7 Fälle.

Beide Erhöhungen seien statistisch noch nicht signifikant, sie könnten theoretisch auch Zufall sein, hieß es vom EKN. Samtgemeindebürgermeister Knut Hallmann (SPD) sagte gestern dennoch, er sei besorgt. Panik und Hysterie dürfe es aber nicht geben. Es gehe um sorgfältige Ursachenforschung - die sei schwierig. Signifikant über dem statistischen Wert liegt laut Deutschem Kinderkrebsregister die Zahl der Krebsneuerkrankungen im Blutbild bei Kindern unter 15 Jahren: In der 7500 Einwohner umfassenden Samtgemeinde Steimbke waren es von 1987 bis 2014 sechs Fälle, wobei nur 1,7 Fälle erwartet worden seien. Vier Betroffene wohnten in Rodewald, wo statistisch nur 0,6 Fälle erwartet wurden.

Während weiter nördlich schon Bothel und Rotenburg auf Forschungsergebnisse des EKN zu möglichen Krankheitsursachen warten, kamen für Steimbke gestern erstmals offizielle Zahlen auf den Tisch.

Spekulationen, an auffällig erhöhten Krebsraten könnten Erdgas- und Erdölförderung schuld sein, gibt es seit Jahren. Funde des krebserregenden Benzols und von Quecksilber an Förderanlagen sowie die Fracking-Debatte lassen Fragezeichen größer werden.

Steimbke liegt im stillgelegten Erdölfeld Suderbruch von Wintershall (Kassel) und ExxonMobil. Nach Probebohrungen hat Wintershall die Wiedereröffnung des Feldes angekündigt - falls ein Fördertest das profitabel erscheinen lässt. Als mögliche Ursache erhöhter Krebsraten wird eine 1988 vom TÜV festgestellte stark erhöhte Benzolemission in Rodewald durch eine Kaltgasfackel auf dem Betriebsplatz Suderbruch geprüft.

Vorwürfe und Verdacht sind noch keine Belege für Ursachen. Ein Hilferuf von über 200 Ärzten aus dem Kreis Rotenburg/Wümme, die mehr Geld vom Land zur Aufklärung von Krebsfällen in der Region fordern, hat die Politik aber sensibilisiert: Jetzt traf eine Abordnung der Mediziner Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). „Als Ärzte erleben wir Sorgen und Ängste der Erkrankten und ihrer Familien. Wir werden nach Ursachen der Krebserkrankungen gefragt und haben bisher keine Antwort“, sagte Hausärztin Christiane Qualmann.

Laut Mitteilung der Mediziner verwies Weil auf ausstehende Literaturrecherchen zu Krebs-Risikofaktoren. Für weitere Schritte liege die Federführung beim Landkreis Rotenburg. Am Geld sollten weitere Untersuchungen aber nicht scheitern, zitieren die Ärzte den Politiker. (mit dpa)

http://zu.hna.de/eknsteimbke

Hintergrund

Bothel: Befragung wird abgeschlossen 

In Bothel (Kreis Rotenburg/Wümme) wurde 2014 eine auffällige Häufung für Leukämien und Lymphomen bei Männern bestätigt: 2003 bis 2012 waren statistisch 21 Fälle zu erwarten. 41 wurden beobachtet. Auch in Rotenburg erkrankten auffällig viele Männer über 60 an diesen Krebsarten.

• Alle 7000 Einwohner Bothels wurden per Fragebogen nach Krankheiten, Lebens-, Arbeits- und Familiensituation befragt, die ursächlich sein könnten. 5000 Bögen kamen zurück. Betroffene - zurück bis 1995 - wurden näher befragt. • Diese Phase läuft im April aus. Bis Jahresende hofft man auf weitergehende Erkenntnisse des EKN.

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