Interview über den Umgang mit der Geschichte der DDR

Umgang mit der Geschichte der DDR: „Erinnerung mehr Gewicht geben“

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Endlich frei: Am 9. November 1989 lässt die DDR überraschend die Grenzübergänge öffnen. Tausende feiern auf der Berliner Mauer.

Vor 23 Jahren wurde der Traum von der Wiedervereinigung für Millionen Deutsche Realität. Trotzdem ist es heute um das Wissen über die DDR besonders unter jungen Menschen nicht gut bestellt. Wir befragten dazu den Historiker und Gedenkstättenleiter Dr. Hubertus Knabe. 

Herr Knabe, es gibt mehr als 700 DDR-Gedenkstätten, die Bundesregierung gibt jährlich 100 Millionen Euro für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte aus. Dennoch haben besonders junge Menschen große Lücken im Wissen um die Geschichte der DDR. Woran liegt das?

Hubertus Knabe: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist eine ganze Generation nachgewachsen, die keine eigenen Erfahrungen mehr mit der DDR hat. Zum anderen gibt es erhebliche Mängel im Schulunterricht. Bestimmte Fakten und Einschätzungen werden nicht vermittelt.

Trägt die Politik eine Mitschuld?

Interview anlässlich des „Tag der Deutschen Einheit“

Knabe: Es gibt auch politische Tendenzen, die die DDR als gar nicht so schlecht hinstellen wollen, die Partei Die Linke tut das ja sogar in ihrem Parteiprogramm. Aber selbst bei der CDU oder der SPD trifft man manchmal auf Menschen, die glauben, dass es beispielsweise um die Gleichberechtigung der Frau in der DDR besser bestellt gewesen wäre. Da muss man sich allerdings nur mal anschauen, wie viel Frauen 1989 im Politbüro saßen, eine einzige – und die hatte kein Stimmrecht.

Die Mängel im Schulunterricht haben Sie bereits genannt. Sind die Wissenslücken also nicht auf das Desinteresse junger Menschen zurückzuführen?

Knabe: Der wichtigste Grund ist vermutlich, dass der Geschichtsunterricht in Schulen häufig nur aus ein oder zwei Wochenstunden besteht und dabei die gesamte Weltgeschichte abgehandelt werden muss. Unter diesen Umständen ist eine vernünftige historische Bildung kaum möglich. Das einzige Thema wo die Vermittlung einigermaßen funktioniert, ist der Nationalsozialismus. Häufig sind Lehrer bei diesem Thema engagierter.

Ist unser Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus also besser als über die DDR-Diktatur?

Zur Person

Dr. Hubertus Knabe (54), 1959 in Unna geboren, ist Historiker und Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen bei Berlin. Aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr, machte er dort sein Abitur und engagierte sich bei den Grünen. Nach seinem Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Bremen wurde er 1983 Pressesprecher der Grünen in Bremen. 1985 ging er als Stipendiat an die Loránd-Eötvös-Universität in Budapest. Seit 2001 ist er wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Knabe ist verheiratet und lebt in Berlin.

Knabe: Zweifellos. Es gibt aber auch Untersuchungen, die zeigen, dass das Wissen junger Leute über den Nationalsozialismus ebenfalls recht dürftig ist. Katastrophal sind die Umfrageergebnisse jedoch beim Wissen der Schüler über die DDR-Geschichte. Sie kennen häufig wichtige Ereignisse – wie den Volksaufstand vom 17. Juni – oder Personen wie Walter Ulbricht nicht und liegen auch in ihren Einschätzungen völlig daneben. Viele glauben, es hätte in der DDR freie Wahlen gegeben oder die Umwelt sei besonders sauber gewesen. Diese Defizite kann man nur durch eine intensivere Behandlung im Unterricht beseitigen. Auch im Alltagsleben müsste der Erinnerung an die SED-Diktatur mehr Gewicht gegeben werden.

Wie meinen Sie das?

Knabe: Es gibt bis heute in Deutschland keine einzige Straße der Friedlichen Revolution, dafür über 600 Ernst-Thälmann-Straßen. Darin sieht man schon das Ungleichgewicht.

Studien zeigen, dass nicht nur in Westdeutschland geringes Interesse an der DDR-Geschichte herrscht, sondern auch in den Ostbundesländern. Woher kommt das?

Knabe: Es ist sogar noch viel schlimmer. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass bayerische Hauptschüler besser über die DDR Bescheid wissen als Brandenburger Gymnasiasten. Auch unsere Gedenkstätte besuchen wesentlich mehr Schulklassen aus West- als aus Ostdeutschland. Vermutlich haben ostdeutsche Lehrer mehr Scheu, sich diesem Thema zuzuwenden, weil sie sich irgendwie befangen fühlen. Irgendwann könnten die Schüler ja fragen: „Was haben Sie damals eigentlich gemacht?“ Auch die Elternhäuser in Ostdeutschland vermitteln ihren Kindern oft ein verklärendes DDR-Bild – so wie es übrigens 1949 mit Blick auf den Nationalsozialismus in Westdeutschland der Fall war.

Mit dem Begriff Stasi für das Ministerium der Staatssicherheit konnten Schüler in einer Untersuchung mehr oder weniger etwas anfangen. Wird der Fokus in der geschichtlichen Aufarbeitung zu sehr auf die Stasi gelegt?

Knabe: Als die DDR unterging, war die Aufmerksamkeit vor allem auf die Stasi gerichtet, weil herauskam, wie sehr sie die Menschen bespitzeln ließ. Es war damals ein großer Schock, dass selbst Ehepartner sich ausspionierten. Dabei ist etwas untergegangen, dass die Stasi nur ausführendes Organ des Politbüros war, dass die eigentlichen Verantwortlichen in der SED saßen. Diese Erkenntnis ist heute den meisten Schülern unbekannt. Aber ich wäre schon froh, wenn die Schüler wirklich wüssten, was die Stasi war und was sie angerichtet hat.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Direktor einer Gedenkstätte?

Informationen zur Gedenkstätte Hohenschönhausen unter www.stiftung-hsh.de oder Tel. 030/98 60 82 - 30.

Eine neue Dauerausstellung beleuchtet ab 4. Oktober nicht nur das Leben ehemaliger Häftlinge, sondern auch die Welt der Täter.

Knabe: Die meisten Schüler sind sehr beeindruckt, auch aufgewühlt, wenn sie uns besuchen. Das liegt auch daran, dass sie meist von ehemaligen Gefangenen durch das frühere Stasi-Gefängnis geführt werden. Das ist für einen jungen Menschen ein ganz besonderes Erlebnis und maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Zahl der Schüler in den letzten Jahren auf 200 000 gestiegen ist. Besonders aus Hessen kommen aber auch viele Schüler zu uns, die sich nicht nur das Gefängnis anschauen, sondern auch an Seminaren zur DDR teilnehmen wollen. Denn Hessen ist das einzige Bundesland, das solche Bildungsfahrten finanziell fördert.

Von Daniel Göbel

Hintergrund: Warum eigentlich der 3. Oktober?

In der alten Bundesrepublik war es einfach: Von 1954 bis 1990 wurde der 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit begangen – in Erinnerung an den Volksaufstand in der DDR im Jahr 1953.

Seit nunmehr 23 Jahren ist der 3. Oktober nationaler Gedenktag und gesetzlicher Feiertag, jener Tag, an dem 1990 die DDR der Bundesrepublik Deutschland beitrat. Der 3. Oktober als Tag der formellen Vereinigung von Ost und West war im Einigungsvertrag festgelegt worden.

Aber warum ausgerechnet der 3.Oktober? Die Auswahl des Termins hatte nichts mehr mit großen Gefühlen zu tun, wie sie sich mit dem 9. November 1989 verbanden, jenem Tag, als sich überraschend die Tore in der Mauer öffneten. Nein, der 3. Oktober hatte ganz nüchtern etwas mit Fristen und Terminen zu tun.

Rückblick: Nach dem Fall der Mauer und nachdem Kremlchef Michail Gorbatschow grünes Licht für die Wiedervereinigung gegeben hatte, wurde im Laufe des Jahres 1990 die Furcht vor einem endgültigen wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch der DDR so verschärft, dass die inzwischen frei gewählte Ostberliner Regierung von Lothar de Maizière auf einen möglichst schnellen Beitritt drängte. Dabei war zweierlei zu bedenken:

• Zum einen war die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl auf den 2. Dezember festgesetzt worden. Dazu war es nach dem Wahlrecht notwendig, alle Wähler spätestens im Verlaufe der 40. Kalenderwoche zu Bürgern des wählenden Staates zu machen.

• Zum zweiten war Mittwoch, der 3. Oktober, der frühestmögliche Termin nach der Außenministerkonferenz der KSZE-Staaten am 2. Oktober. Dort sollten die Teilnehmer der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa über das Ergebnis der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen informiert werden. Darin hatten sich die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und die beiden deutschen Staaten auf ein Abkommen geeinigt, das die Funktion eines Friedensvertrages erfüllte.

Das alles musste am 22. August von der DDR-Volkskammer bedacht werden. Um 2.30 Uhr beschloss das Parlament: „Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober“. 294 Abgeordnete stimmten dafür, 62 dagegen, 7 enthielten sich. Seither wird der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit gefeiert. (bli)

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