Interview: Jan Rummel erläutert, warum man nicht zu viele Fotos machen sollte

Gedächtnisforscher: „Erinnerung steuert man selbst“

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Was ein Mensch von einer Reise erinnert, hängt nicht von der Zahl der Fotos ab, sagt Psychologe Jan Rummel. Das Foto zeigt das Brandenburger Tor in Berlin .

Das Thema: Zu Weihnachten werden bei vielen Menschen Kindheitserinnerungen wach. Woran liegt es, dass man einige Dinge noch Jahre später erinnert, als wäre es gestern gewesen? Lässt sich das Gedächtnis  manipulieren? Was Erinnerungen prägt, erläutert Psychologe  Dr. Jan Rummel.

Angenommen, man läuft im Urlaub an einem langen Strand entlang. Was bestimmt, woran davon man sich später erinnert?

Dr. Jan Rummel: Das hängt davon ab, womit man beim Spazierengehen beschäftigt ist, also ob man die Aufmerksamkeit auf die Umgebung richtet oder in Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit bestimmt, wie viele Details man wahrnimmt. Und je mehr Details man bewusst wahrnimmt, desto leichter fällt es einem, sich später an die Situation zu erinnern.

Was steuert die Erinnerung? 

Rummel: Erinnerung steuert man bis zu einem gewissen Grad selbst. Man kann Aufmerksamkeit bewusst auf bestimmte Dinge lenken. Wenn man zum Beispiel ein Problem lösen muss, dann wird man sich voll darauf konzentrieren. Es gibt aber auch Reize, die anderes überlagern. Eine Polizeisirene, die nimmt man wahr, auch wenn man gerade gedanklich ganz wo anders ist. Das soll auch so sein, deswegen ist sie ja so laut.

An unserem Beispielstrand stehen fünf Palmen. Muss man vorher wissen, was Palmen sind, damit man sich später an sie erinnern kann? 

Rummel: Wenn die Palmen sehr auffällig sind, zum Beispiel weil sie sehr grün sind in einer gleichförmigen Umgebung, wird man sie sehr wahrscheinlich auch so erinnern. Ansonsten spielt Vorwissen eine große Rolle beim Erinnern. Es hilft, eine Information sinnvoll ins Gedächtnis zu integrieren.

Amerikanische Forscher haben in einem Test herausgefunden, dass Menschen, die in einem Museum fotografieren, sich hinterher schlechter an die ausgestellten Objekte erinnern. Woran liegt das? 

Rummel: Das kann man nicht exakt erklären. Für diese Studie haben alle Teilnehmer - mit Kamera oder ohne - die Objekte jeweils 30 Sekunden angeschaut. Warum sich die mit Kamera schlechter erinnern, darüber kann man nur spekulieren. Es kann sein, dass diese Teilnehmer unbewusst erwarteten, dass sie die Fotos zur Verfügung haben und deswegen in der Situation selbst ihre Aufmerksamkeit auf anderes richteten.

Kann man daraus schließen: Wer sich exakter erinnern will, sollte keine Fotos machen?

Rummel: Nein. Wenn man Fotos hat, helfen sie bei der Erinnerung an ein Ereignis. Das Problem ist, dass man heute so vieles fotografiert: das Essen, den Weihnachtsschmuck, und so weiter. Es hilft, wenn man ein wenig mehr auswählt, was man fotografieren möchte und später aus diesen Fotos noch einmal eine Auswahl trifft.

Wie kann man Erinnerungen noch bewahren? 

Rummel: Indem ich anderen davon berichte. Wir wissen, dass Erinnerungen verblassen können. Man kann diesen Prozess aber aufhalten. Man kann sich die Situationen für sich allein ins Gedächtnis rufen oder eben anderen davon erzählen.

Ist das der Grund, warum sehr alte Menschen oft dasselbe erzählen? Weil sie befürchten, sonst die Erinnerungen zu verlieren?

Rummel: Zum Teil. Es spielt auch eine Rolle, dass ab einem gewissen Alter wenige neue Eindrücke hinzukommen, weil die Menschen weniger mobil sind. Dann wandern die Gedanken zu den Erlebnissen und Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden.

Kann Tagebuchschreiben helfen, Erinnerungen besser im Gedächtnis zu behalten? 

Rummel: Das ist eine gute Möglichkeit, sich eine Gedächtnisstütze zu schaffen. Man muss es aber zeitnah zur Situation machen. Dann können die Aufzeichnungen helfen, sich in zwei, drei Jahren wieder in die Situation zu versetzen.

Unangenehme Dinge verschwinden eher aus dem Gedächtnis. Angenommen, den gesamten Urlaub lang streitet man sich rum. Hinterher erinnert man sich aber an den schönen Strand, wenn man an den Urlaub denkt. Woran liegt das? 

Rummel: Es spielt eine Rolle, dass man anderen von dem Urlaub erzählt, und zwar eher von den positiven Seiten des Urlaubs. Das heißt: Bestimmte Details werden immer wieder reaktiviert. Die anderen verblassen.

Gut zu wissen . . .: Warum zwei Menschen eine Situation unterschiedlich in Erinnerung behalten

- Das Gedächtnis:  Das Gedächtnis hat seinen Sitz im Gehirn. Dort treffen die über die Sinnesorgane eingehenden Informationen ein, werden gefiltert und eventuell gespeichert. Nach Bruchteilen von Sekunden gehen schon erste Informationen verloren. Ins Kurzzeitgedächtnis schaffen es nur solche, die das Gehirn nach der Verknüpfung mit Vorwissen für bedeutend hält. Nur wichtige Informationen werden in festen Nervenverbindungen gespeichert.

- Die Gefühle:  Was im Gedächtnis gespeichert wird, hängt auch von der Gefühlslage des Menschen ab. Reagieren im Gehirn Emotionszentren auf die Sinnesreize mit, verstärken sich diese. Das erklärt, warum zwei Menschen vom gleichen Ereignis völlig unterschiedlich berichten können.

- Wie hieß der noch?  Dass man sich manchmal beim besten Willen nicht an einen Namen oder die Geheimzahl der Geldkarte erinnern kann, ist für Gedächtnisforscher Jan Rummel noch kein Anzeichen für Vergesslichkeit. Über den Tag verteilt werde man mit einer großen Menge von Zahlen und Namen konfrontiert, sagt er. Wenn zwei Informationen sich ähneln, werde es für das Gehirn schwierig, sie auseinander zu halten.

- Alles ist im Fluss: Das Gedächtnis ist ständig im Umbau. Neue Informationen werden einsortiert, Überflüssiges entfällt. Gefühle, Erschöpfung und Stress, aber auch die Umgebung und Medikamente beeinflussen, wann man sich woran erinnert. Die "Apotheken Umschau" empfiehlt übrigens als Gedächtnistraining unter anderem, morgens Zeitung zu lesen oder Radio zu hören und die Themen nachmittags aufzusagen.

Zur Person

Dr. Jan Rummel (33) ist Diplom-Psychologe und Nachwuchsgruppenleiter am Fachbereich Psychologie der Universität Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Selbstregulation von Gedächtnisprozessen und der Einfluss von Emotion auf Kognition. Rummel stammt aus Heilbronn und hat in Heidelberg und Marburg Psychologie studiert. Derzeit arbeitet er an seiner Habilitationsschrift. Rummel ist ledig, hat keine Kinder und lebt in Heidelberg.

Von Tatjana Coerschulte

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