Bisher dort wenig thematisiert

Erste Holocaust-Ausstellung schockt Chinesen

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Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Peking - Fotos ausgemergelter Juden, die Verbrennungsöfen der Krematorien, gestreifte Häftlingskleider. Zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung in Peking das Grauen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Vielen Besuchern in der chinesischen Hauptstadt werden hier das Ausmaß und die Grausamkeit der nationalsozialistischen Verbrechen erstmals klar - und sie sind entsetzt. "Die meisten sind schockiert, dass die Nazis Frauen und Kinder in die Gaskammern schickten", sagt Vize-Kurator Li Zongyuan.

In der kollektiven Erinnerung der chinesischen Bevölkerung stehen die Verbrechen der Japaner an den Chinesen während des Zweiten Weltkriegs im Mittelpunkt: Mehr als 200 Museen und Gedenkstätten in der Volksrepublik widmeten sich den Gräueltaten der japanischen Armee, sagt Li. Der Holocaust hingegen werde in den Schulen und selbst an den Universitäten kaum thematisiert, sagt Hu Dekun von der chinesischen Gesellschaft zur Erforschung des Zweiten Weltkriegs. Die Ausstellung "Todeslager Auschwitz" im "Museum zum Widerstandskrieg des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression" am Rand der Hauptstadt will dies ändern. In weniger als zwei Monaten zog sie mehr als 70.000 Besucher an.

Yan Jikai ist aus der Provinz Shanxi im Norden ins Museum gekommen. Von den Verbrechen der Deutschen habe er erst durch den US-Film "Gesprengte Ketten" mit Steve McQueen erfahren - "den habe ich mir gleich zweimal angesehen", sagt Yan. Er lobt den Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt am Ehrenmal für das Warschauer Ghetto 1970. "Die Japaner hingegen haben ihre Fehler nie wirklich eingestanden."

Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie in Auschwitz-Birkenau etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden. Außerdem beleuchtet sie die Rolle Shanghais als Zufluchtsort europäischer Juden und des chinesischen Diplomaten He Fengshan, der tausende Juden rettete, indem er ihnen zwischen 1938 und 1940 Visa für China ausstellte.

7000 Chinesen hätten 2012 die Gedenkstätte Auschwitz besucht, sagt Vize-Kurator Li. "Das ist wenig im Vergleich zu der Zahl chinesischer Touristen in Europa." Zwei Vorfälle in den vergangenen Monate zeigen, wie groß Unkenntnis und Desinteresse am Holocaust in Teilen Asiens sind. Ein Indonesier betrieb in Bandung zwei Jahre lang ein mit Hakenkreuzen und Hitler-Porträt dekoriertes Kaffee - er musste schließen, nachdem die internationale Presse darüber berichtet hatte. Und der japanische Vize-Regierungschef Taro Aso schlug vergangenen Monat vor, sein Land solle sich bei der Verfassungsreform ein Beispiel an Nazi-Deutschland nehmen.

Das Museum, das erstmals eine Ausstellung den Nazi-Verbrechen widmete, steht am Ende der Marco-Polo-Brücke. Hier fand am 7. Juli 1937 ein Scharmützel zwischen chinesischen und japanischen Truppen statt, das den Japanern als Vorwand diente, Peking einzunehmen. Nach dem Besuch der Ausstellung vergleicht der Student Li Jie die Situation der Chinesen mit der der Juden: "Meiner Meinung nach war China damals ein sehr schwaches Land, die Chinesen waren wie die Juden und die Polen, sie hatten keine Möglichkeit Widerstand zu leisten."

AFP

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