Nahost-Experte Scholl-Latour zu Libyen: „Erwartungen sind überzogen“

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Jubel in der Hauptstadt: In Tripolis gingen Tausende Gegner des bisherigen Machthabers Muammar al-Gaddafi auf die Straße. Die Aufständischen nahmen auch den staatlichen Fernsehsender ein.

Die Strategie der Nato scheint aufgegangen zu sein: In diesen Tagen bejubeln die libyschen Rebellen das Ende des Gaddafi-Regimes. Kehren nun Freiheit und Demokratie in das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land ein? Darüber sprachen wir mit dem Nahost-Experten Peter Scholl-Latour.

Herr Scholl-Latour, Libyen feiert den Sieg über Gaddafi. Feiert es auch einen Sieg der Demokratie?

Peter Scholl-Latour: Das Wort Demokratie würde ich in diesem Zusammenhang lieber gleich vergessen. Es wäre naiv, zu glauben, dass sich unser Verständnis des Begriffs auf die arabische Welt übertragen ließe. So sehr ich unser System auch schätze, besitzen wir keine Formel, die auch für die orientalischen Länder gilt. Stellen Sie sich mal vor, in Tripolis würde debattiert wie im Bundestag - absurd! Wenn die Europäer und die Amerikaner weiterhin versuchen, anderen ihr Wertesystem aufzuzwingen, werden sie die gleichen Erfahrungen machen wie im Irak oder in Afghanistan.

Was unterscheidet das westliche Demokratieverständnis von dem der arabischen Welt?

Scholl-Latour: Die wissen doch gar nicht, was Demokratie ist! Wie will man denn Wahlen organisieren, wenn diese bislang immer getürkt waren und es noch nicht einmal Parteien gibt? Das Land war immer auf einen starken Mann oder die Armee angewiesen. Jetzt wird Libyen eine eigene arabische Regierungsform finden, wie immer diese auch aussehen wird.

Wie wird sich das Land auf lange Sicht entwickeln?

Scholl-Latour: Das kann niemand voraussagen. Anders als in Tunesien oder Ägypten ist in Libyen die Armee auseinandergefallen, was eine neue Ausgangssituation schafft. Dennoch gibt es dort nach wie vor eine ausgeprägte Stammesgesellschaft, deren Splittergruppen zum Teil seit Jahrhunderten verfeindet sind. Die Minister der jetzigen Übergangsregierung in Bengasi waren zudem größtenteils schon unter Gaddafi Minister - das ist sehr aussagekräftig. Immerhin ist der Mann vierzig Jahre an der Macht gewesen. Vorher stand das Land unter dem Joch Italiens, das den Libyern nicht einmal ein Minimum an Selbstverwaltung zugestanden hat. Die großen Erwartungen sind daher völlig überzogen.

Wie bewerten Sie die Rolle der libyschen Rebellen?

Scholl-Latour: Bei den Freiheitskämpfern, wie sie sich selbst ja nennen, gibt es 40 verschiedene Gruppierungen, die sich untereinander nicht alle gut gesonnen sind. Die Bilder, auf denen die Aufständischen sich wild gebärden und in die Luft schießen, sprechen Bände. Viele Verluste, die bei den Kämpfen entstanden sind, sind vor allem ihrer militärischen Unfähigkeit geschuldet.

Kann man überhaupt von einer Befreiung der arabischen Welt als solcher sprechen?

Scholl-Latour: Ich habe nie davon gesprochen. Die Ereignisse in den einzelnen Ländern sind so unterschiedlich, dass man sie nicht einfach über einen Kamm scheren kann. Die Situation in Syrien ist eine vollkommen andere als beispielsweise im Maghreb in Marokko. Das Einzige, was die Länder eint, ist der islamische Glaube.

Von Kristin Dowe

Zur Person:

Der deutsch-französiche Autor und Fernsehjournalist Dr. Peter Scholl-Latour (87) gilt als einer der versiertesten Kenner der arabischen Welt. Am Wilhelmsgymnasium in Kassel legte er sein Abitur ab und studierte Philologie und Politologie. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes aus erster Ehe und hat jeweils einen Wohnistz in Berlin, Paris und Nizza. (dow)

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