Mindestens 176 Tote im Gazastreifen

Eskalierende Gewalt: Steinmeier reist in Nahen Osten

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Ist am Montag in Jordanien eingetroffen: Frank-Walter Steinmeier.

Tel Aviv - Viele Tote in Gaza und häufiger Raketenalarm in Israel: eine Waffenruhe im jüngsten Nahost-Konflikt ist nicht in Sicht. Politiker verstärken jetzt ihre Vermittlungsbemühungen.

Nach einer Woche der Gewalt im Nahen Osten mit mindestens 179 Toten im Gazastreifen sucht die internationale Diplomatie nach Auswegen aus der Krise. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dämpfte am Montag allerdings zu hoch gesteckte Erwartungen an die deutschen Bemühungen. „Wir sind hier nicht in einer Vermittlungs- oder Mediatorenrolle“, sagte er in Jordanien zum Auftakt seiner Reise, die ihn am Dienstag nach Israel und ins Westjordanland führen wird.

Die Arabische Liga will indes den Palästinensern den Rücken stärken. Ihre Außenminister wollten sich am Montagabend in Kairo treffen, um darauf hinzuarbeiten, dass die Palästinenser unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt werden. Die militant-islamische Hamas schickte erstmals eine Drohne nach Israel - sie wurde unweit der südlichen Stadt Aschdod von einem Abwehrsystem abgefangen und zerstört.

Ägypten hat im Gazakonflikt nach Angaben des Außenministeriums einen Fahrplan für eine Waffenruhe ab Dienstagmorgen vorgelegt. Die Vereinbarung, die Israelis und Palästinenser noch billigen müssen, sieht demnach vor, dass die Feuerpause um 8.00 Uhr MESZ (6.00 Uhr GMT) beginnt. Innerhalb von 48 Stunden sollten hochrangige Delegationen aus Israel und den Palästinensischen Gebieten nach Kairo reisen, um indirekte Gespräche zu führen. Zudem ist laut Plan die Öffnung der Grenzübergänge nach Gaza vorgesehen.

Am sechsten Tag der israelischen Offensive griffen die Luftstreitkräfte erneut Ziele der Hamas im Gazastreifen an. Nach Angaben des Leiters der Rettungsdienste in Gaza, Aschraf al-Kidra, wurden bisher insgesamt 179 Menschen getötet. Bei einem knappen Drittel der getöteten Palästinenser handelt es sich um Frauen und Kinder. Dies geht aus einer namentlichen Opferliste hervor, die Al-Kidra am Montag veröffentlichte. 1280 Menschen wurden verletzt.

Die Hamas und mit ihr verbündete Milizen schossen seit Beginn des jüngsten Konflikts 1030 Raketen auf Israel ab. Allein am Montag waren es über 70, wie ein Militärsprecher bestätigte. Am Nachmittag heulten in der Metropole Tel Aviv wieder die Sirenen. Kurz darauf waren dumpfe Detonationen zu hören, die Abschussgeräusche des Abwehrsystems „Eisenkuppel“. Dieses fängt die meisten Raketen über bewohntem Gebiet ab - ihm haben es die Israelis zu verdanken, dass sie bislang keine Todesopfer zu beklagen haben. In Lakia im Süden von Israel wurden zwei Schwestern im Alter von 13 und zehn Jahren durch eine Rakete verletzt.

Ermordeter palästinensischer Jugendlicher - Einzelheiten bekannt

Die israelische Armee schoss nach eigenen Angaben erstmals eine Drohne ab, die von Palästinensern aus dem Gazastreifen nach Israel geschickt wurde. Das unbemannte Fluggerät sei mit dem Abwehrsystem Patriot abgefangen und in der Luft zerstört worden, teilte die israelische Armee mit. Der israelische Militärsprecher Arye Shalicar sagte, es sei unklar, um welches Modell es sich bei der abgeschossenen Drohne handele - ein aus dem Iran eingeschmuggeltes Fluggerät oder eine Eigenproduktion der Hamas.

Er bestätigte Befürchtungen, wonach die Hamas Fluggeräte mit Kameras ausrüsten oder mit Sprengstoff bestücken könnte. Die Hamas feierte die schiere Entsendung der Drohne als propagandistischen Erfolg. Ohne Belege vorzuweisen, behauptete sie, das Fluggerät hätte das israelische Verteidigungsministerium erreicht.

Auslöser der jüngsten Eskalation der Gewalt waren die Entführung und Ermordung von drei israelischen Teenagern und der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jungen. Eine 2012 vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, die seit 2007 im Gazastreifen herrscht, wurde daraufhin endgültig Makulatur.

Die israelische Polizei nannte am Montag erstmals Einzelheiten im Zusammenhang mit der Ermordung des jungen Palästinensers. Die mutmaßlichen Täter, ein 29-Jähriger mit angeblich psychischen Problemen und zwei 17-Jährige hätten die Bluttat umfassend gestanden, sagte Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Gegen das Trio werde bald Anklage erhoben, teilte eine Justizsprecherin mit.

Vor dem Hintergrund der eskalierenden Gewalt in Gaza kam die internationale Krisendiplomatie in Fahrt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief beide Seiten zur Mäßigung auf. Er verurteilte den Raketenbeschuss Israels durch die Hamas als „unanständige Angriffe“ und äußerte sich besorgt über die Auswirkungen der israelischen Militäraktionen.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, bat indes den UN-Sicherheitsrat nach eigenen Angaben um den Schutz der Palästinenser in Gaza. Das teilte er über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Die Liga unterstützt damit ein Anliegen von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der in einem Brief an Ban darum ersuchte, „den Staat Palästina offiziell dem Schutz der UN zu unterstellen“.

Außenminister Steinmeier (SPD) appellierte am Montag in Amman an Israelis und Palästinenser, eine weitere Eskalation im Gaza-Konflikt unbedingt zu vermeiden. „Wir müssen dringend nach Wegen suchen, raus aus der Spirale der Gewalt zu kommen“, sagte er. Bei seinen Besuchen am Dienstag in Israel und im Westjordanland sind Treffen mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geplant.

dpa

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