Hektik und gespanntes Warten

Ein Tag in Straßburg: Unterwegs mit EU-Parlamentsneuling Engin Eroglu

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Spannender Tag im Europaparlament: Der Abgeordnete Engin Eroglu (links) mit HNA-Redakteur Gregory Dauber.

Ende Mai ist Engin Eroglu für die Freien Wähler in das EU-Parlament eingezogen. HNA-Redakteur Gregory Dauber hat den Nordhessen an einem geschichtsträchtigen Tag in Straßburg begleitet.

„Das Europäische Parlament gibt einem keine Zeit“, sagt Engin Eroglu am Montagmorgen auf der Fahrt von Schwalmstadt nach Straßburg. Der Nordhesse ist Ende Mai für die Freien Wähler in das EU-Parlament eingezogen. Diese ersten Wochen Eroglus als Vollzeit-Politiker können getrost als historisch betrachtet werden. Historisch, weil diese Tage richtungsweisend für die Zukunft der EU sind. 

Spitzenkandidaten-Chaos, grölende britische Quertreiber um Brexit-Hardliner Nigel Farage und Ursula von der Leyen, die leidenschaftlich versucht, pro-europäische Kräfte auf ihre Seite zu ziehen: Die Lage ist verworren.

Am Dienstagmorgen bilden sich lange Schlangen vor dem Haupteingang des Europäischen Parlaments in Straßburg. Das eigentlich routinierte Sicherheitspersonal wirkt gestresst, denn das internationale Medienaufkommen ist gewaltig. Überall wird hektisch getippt und telefoniert. Zwischendurch ziehen Schülergruppen über die Gänge. An vielen Stellen stehen Abgeordnete in Kleingruppen zusammen und diskutieren in einer der 24 Amtssprachen der Europäischen Union.

Von der Leyen im Kopf

Über all der Hektik liegt Anspannung, es gibt viele besorgte Gesichter. Wie werden die Parlamentarier am Abend über die Kandidatur von der Leyens entscheiden? Wird sie die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission oder geht das Chaos in die nächste Runde? Um 9 Uhr hat die Deutsche ihre letzte Gelegenheit, um für Unterstützung zu werben. Der Plenarsaal und auch die Besucherränge sind beinahe komplett gefüllt.

Für den 37-jährigen Eroglu ist es keine leichte Zeit, sich im komplexen System der Europäischen Union zurechtzufinden. Aber es muss weitergehen, es gibt viel zu lernen. Kontakte müssen geknüpft, nichts Wichtiges darf verpasst werden. Mittags steht für Eroglu ein Essen mit einer interfraktionellen Arbeitsgruppe an. Es geht um Digitalisierung und Attraktivität des ländlichen Raums. 

„Das passt eigentlich wie die Faust aufs Auge“, sagt der EU-Neuling, der zuvor 22 Jahre in der Kommunalpolitik aktiv war und stolz ist auf seine Schwälmer Heimat. „Eigentlich hätte ich mich die letzten drei Stunden darauf vorbereiten müssen.“ Daraus wurde aber nichts, weil am Morgen die letzte Debatte vor der richtungweisenden Wahl am Abend stattfand. „Es fällt schon etwas schwer, gerade an etwas anderes als Frau von der Leyen zu denken.“

Eroglu ist ein Fels geblieben

Nach dem Mittagessen folgt eine Sitzung der „Renew“-Fraktion. Der gehören neben der FDP auch die Franzosen von „La Republique en marche“ an, der Partei von Präsident Emmanuel Macron. Der Großteil der liberalen Fraktion steht hinter von der Leyen. Die Skeptiker werden immer weniger, die Rede von Morgen scheint überzeugt zu haben. Jetzt sollen noch die letzten Abweichler überzeugt werden. 

Einer von ihnen ist Eroglu, obwohl er die Rede vom Morgen stark fand: „Sie ist als Europäerin aufgetreten und ist auf viele Leute zugegangen.“

Auch gestern sorgten sie im Europäischen Parlament für Stimmung: Der Brite Nigel Farage (stehend) mit seiner Brexit-Partei während der Debatte vor dem Wahlgang.

Ihm bleiben wenige Meter und ein paar Treppenstufen, um sich gedanklich auf die Fraktionssitzung vorzubereiten. „Ich bin bei sowas ein Fels, das bringt mich nicht aus der Ruhe“, sagt er. Dann geht es in den Sitzungsraum, in der sich die gesamte Fraktion und einige Mitarbeiter versammelt haben. Nach eineinhalb Stunden ist die Diskussion vorbei. Eroglu ist ein Fels geblieben, er hat seinen Standpunkt nicht verändert.

„Wir Deutsche haben eine etwas andere Sichtweise. Bei uns gibt es eine Vertrauenskrise in die Regierenden. Die Wähler haben ein Zeichen gesetzt, das ich nicht ignorieren will.“ Genau das habe der Europäische Rat, die Staats- und Regierungschefs der EU mit der Nominierung Ursula von der Leyens getan.

Parlament gibt wenig Zeit

Am frühen Abend wird es dann ernst. In geheimer Wahl entscheiden die 751 Europaparlamentarier über das politische Schicksal von der Leyens. Bis zuletzt ist offen, ob es für sie reicht. Wie viele Sozialdemokraten verwehren ihr die Stimme? Bleiben die Grünen hart? 

Das Parlament, welches sich vor der Wahl noch auf Einigkeit gegenüber Europaskeptikern und Rechtsnationalen eingeschworen hat, muss sich die nächsten fünf Jahre zusammenraufen, will es sich gegen die im Europäischen Rat repräsentierten Nationalstaaten behaupten.

Am Ende bekommt von der Leyen 383 stimmen, neun mehr als nötig. „Ein ehrliches Ergebnis. Jetzt darf sie niemanden enttäuschen. Es kann losgehen, ich bin motiviert“, kommentiert Engin Eroglu das Ergebnis. Für von der Leyen und Eroglu gilt jetzt gleichermaßen: Das Europäische Parlament gibt einem nicht viel Zeit.

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