EU-Sozialstudie

Deutsche leisten die meisten Überstunden - großteils unentgeltlich

Lazlo Andor

Berlin. Deutsche Arbeitnehmer machen nach Erkenntnissen der EU-Kommission in Brüssel im Durchschnitt mehr Überstunden als ihre Kollegen in den europäischen Nachbarländern.

Der zuständige EU-Sozialkommissar Lazlo Andor sagte der Zeitung Die Welt: „In keinem Land der Eurozone gibt es einen so großen Unterschied zwischen der tarifvertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit und der tatsächlichen Wochenarbeitszeit wie in Deutschland.“

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Laut aktuellen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt es aber nicht einmal für die Hälfte der Überstunden Geld: „Auf jeden Beschäftigten kamen im zweiten Quartal 2014 im Schnitt fünf bezahlte und 6,9 unbezahlte Überstunden.“ Tatsächlich haben die bundesdeutschen Tarifparteien eine wöchentliche Arbeitszeit von im Schnitt 37,7 Stunden vereinbart. In Wirklichkeit aber sind Beamte, Krankenschwestern, Büro-Kaufleute und alle anderen 40,5 Stunden im Dienst – deutlich länger als der europäische Schnitt von 39,7 Stunden.

In der Mehrzahl war die Mehrarbeit höchst unfreiwillig. Bei einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Frühjahr begründete die Mehrheit (61 Prozent) der 5800 Befragten die längere Zeit im Büro nämlich mit dem Gefühl, das Arbeitspensum nicht schaffen zu können, wenn man nicht länger bleibt.

Kein Wunder, dass in Berlin inzwischen eine heftige Diskussion um die Frage entbrannt ist, ob ein Arbeitnehmer ständig erreichbar sein muss. Oder ob der Gesetzgeber etwas tun solle, um dem Burn-Out vorzubeugen.

In Brüssel sieht man diese Diskussion mit Abstand. „Wichtig ist, dass das Land wettbewerbsfähig ist und dass die Vorgaben der Arbeitszeitrichtlinie eingehalten werden – das ist in Deutschland im Allgemeinen der Fall“, gab Kommissar Andor zu Protokoll.

Bei 48 Stunden Wochenarbeitszeit ist laut EU Schluss. An die kommt derzeit kein Land heran. Die längste Zeit im Job verbringen laut EU-Statistikern die Griechen, deren effektive Wochenarbeitszeit bei 44,1 Stunden liegt. Es folgen Österreich (43,19) und Portugal (42,7). Das Schlusslicht bilden die Finnen mit 40 Stunden. Dies sage jedoch über die Produktivität der Beschäftigten und ihrer Unternehmen nichts aus, heißt es in Brüssel. Und es lässt auch keine Rückschlüsse darauf zu, wer laut Tarifvertrag weniger arbeiten müsste, aber de facto länger zu bleiben hat. Aus beiden Zahlen resultiert die Überstunden-Spitzenstellung der deutschen Arbeitnehmer.

Verdi-Chef Frank Bsirske sprach mit Blick auf die unbezahlten Überstunden von einer faktischen Lohnsenkung. Solche Mehrarbeit sei ein oft selbstzerstörerischer Umgang mit den eigenen Ressourcen“. Eine Änderung dieser Praxis müsse deshalb von den Beschäftigten selbst ausgehen.

Von Detlef Drewes

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