Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt: 40 000 Liter Rohöl ausgelaufen

10.000 Euro nach Störfall ausgelobt: Sabotage am Ölhahn?

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Aufräumarbeiten nach dem Ölunfall im schmierigen Schlick: THW-Mitarbeiter mit Schlauchboot an einer Ölsperre.

Etzel. Neue Wendung im Versuch, den Ölunfall über einem unterirdischen Gasspeicher im ostfriesischen Etzel nahe Wilhelmshaven aufzuklären: Speicherbetreiber IVG Caverns geht mittlerweile von Sabotage aus und hat 10.000 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt, die zum Täter führen.

Auf dem Betriebsgelände von IVG waren Mitte November rund 40.000 Liter Rohöl ausgelaufen und hatten auf mehrere Kilometer Erdreich und Gewässer bis kurz vors Wattenmeer verschmutzt. Der TÜV hat einen technischen Defekt des lecken Rohrleitungsnetzes ausgeschlossen.

Nach bisherigen Erkenntnissen soll das Öl 20 Stunden lang aus einem nicht verschlossenen oder - folgt man der IVG-Hypothese - extra aufgedrehten Absperrventil geschossen sein. Hunderte Kubikmeter Erdreich mussten abgetragen und entsorgt werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der Straftat Gewässerverunreinigung.

Rohre an einer Verteilerstation der Kavernen-Betreibergesellschaft IVG bein Etzel.

Am Dienstag hatten die Ermittler einen Feuerwehrmann als Zeugen befragt, der nach Angaben einer lokalen Bürgerinitiative das Öl aus der Böschung eines Grabens sprudeln gesehen haben soll. Das könnte auf ein ganz anderes Leck in einer unterirdischen Leitung hindeuten, was die IVG aber ausschließt. Zum Inhalt der Zeugenaussage äußerte sich die Staatsanwaltschaft nicht.

Der Fall bleibt mysteriös: Nach Angaben der IVG hat ein Mitarbeiter des Unternehmens seine ursprüngliche Zeugenaussage beim Staatsanwalt korrigiert. Das lecke Absperrventil sei nicht nur im Strohhalm-Durchmesser, sondern deutlich weiter geöffnet gewesen. Der Mann habe die Sachlage unter Anspannung falsch beurteilt, sagt IVG-Geschäftsführer Manfred Wohlers jetzt im Interview. Umweltschützer umliegender Dörfer hatten bald nach dem Ölaustritt auch gegenüber unserer Zeitung bezweifelt, dass die Ölflut aus einer nur strohalmgroßen Öffnung gekommen sein kann.

Der Unfall hatte hunderte Helfer über Wochen mit Sperr- und Säuberungsarbeiten beschäftigt. Rolf Pospich, Chef der Aufsichtsbehörde Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), nahm seinen Hut. Zuvor hatte Niedersachsens SPD-Wirtschaftminister Olaf Lies das Krisenmanagment der Behörde deutlich kritisiert und ins eigene Haus geholt.

Lies gab dem Kavernenbetreiber eine Pflichtenliste mit technischen Nachbesserungen an seinen Betriebsanlagen auf. Ziel: schärfere Überwachung, um bei weiteren ähnlichen Schadensfällen die Folgen zu minimieren. Gegen diese Auflagen hat IVG Caverns geklagt - einbauen muss das Unternehmen zusätzliche Sicherungs- und Alarmsysteme trotzdem. Auf die Klage selbst kann man sich im Wirtschaftsministerium keinen Reim machen: Es könne allenfalls um Überlegungen von IVG gehen, je nach Ausgang der Ursachensuche Geld für die technische Nachbesserung vom Land zurückzuverlangen. Von Wolfgang Riek

Hintergrund

Riesige Treibstofflager in ausgespülten Salzstöcken 

• Die Speicher für Erdgas und Öl im ostfriesischen Etzel gehören zu den größten unterirdischen Speicheranlagen Europas. Die Kavernen sind durch Erdgas- und Erdölpipelines an das europäische Energieversorgungsnetz angebunden.

• Kunden der Betreibergesellschaft IVG nutzen die Speicher, um mit den Vorräten Verbrauchsspitzen abzudecken oder Öl und Gas zwischenzulagern. Auch liegen hier große Teile der deutschen strategischen Erdölreserve.

• 66 der geplanten 144 sogenannten Kavernen des Betreibers IVG sind fertiggestellt: 42 für Erdgas, 24 für Rohöl. (wrk) Hintergrund Künstliche Hohlräume: Bis 60 Meter im Durchmesser und 500 Meter tief

• Die riesigen Hohlräume, 60 Meter im Durchmesser und 300 bis 500 Meter weit in die Tiefe reichend, werden ausgesolt, also mit Wasser aus dem Steinsalz gespült.

• Das jetzt an oberirdischen Rohrsystem ausgetretene Öl stammt nach Angaben des Wirtschaftsministeriums nicht aus den Lagerbeständen, sondern vom Aussolen: Wasser, das in der Tiefe Salz löst, darf den „Deckel“ der geplanten Kaverne nicht erreichen - der soll ja stabil bleiben. Für Trennung von Wasser und Salz sorgt Öl. Es wird umgepumpt und ist jetzt ausgelaufen.

• Umweltschützer warnen seit Jahren vor nicht absehbaren Folgen des Ausspülens riesiger unterirdischer Hohlräume in norddeutschen Salzstöcken: Sie nennen Bodenabsenkungen, Gebäudeschäden, Gefahren fürs Grundwasser. (wrk)

• Unfallinfos des Betreibers :

http://zu.hna.de/ivg3011

• Kritiker der BI: www.bi-lebensqualitaet.de

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