Europa-Experte über Wirtschafts- und Schuldenkrise in Frankreich

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Pleitespiel

Kassel. Neuer Rückschlag in der Euro-Schuldenkrise: Die US-Ratingagentur Moody’s hat Frankreichs Kreditwürdigkeit um eine Note von „Aaa“ auf „Aa1“ gesenkt. Wir sprachen über die französischen Probleme mit Prof. Lüder Gerken vom Centrum für Europäische Politik.

Herr Gerken, die Kanzlerin hat gesagt, wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa. Inwiefern ist das Zitat in Bezug auf die Krise in Frankreich nochhaltbar?

Lüder Gerken: Dieser Satz war von Anfang an falsch: Das Kernstück der Europäischen Integration war immer der Binnenmarkt, nie eine gemeinsame Währung. Doch unsere Politiker haben sich darauf festgelegt, dass alle 17 Staaten in der Eurozone bleiben, koste es, was es wolle.

Warum gibt es in Frankreich noch die 35-Stunden-Woche?

Gerken: Weil die Politik es versäumt, den Bürgern klaren Wein einzuschenken und ihnen nicht klipp und klar sagt, dass sie über ihre Verhältnisse leben.

Sie gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldpresse für Frankreich anwerfen wird. Wäre das nicht das Ende des stabilen Euros?

Gerken: Mit Sicherheit. Aber dann muss das Europa der Kanzlerin, das ja nicht scheitern darf, mit einer instabilen Währung weiterleben. Die Zeche zahlen dann die Bürger.

Kann die EZB Frankreich retten?

Gerken: Eine gewisse Zeit, indem massiv die Notenpresse angeworfen wird. Der Preis ist aber erheblich: nämlich Inflation und Niedrigzinsen, so dass die Ersparnisse und Lebensversicherungen entwertet werden. Dies käme einer teilweisen Enteignung weiter Schichten der Bevölkerung in Deutschland gleich.

Wäre ein Austritt aus dem Euro das letzte Mittel für Frankreich oder wäre das unvorstellbar?

Gerken: Politisch ist das nicht vorstellbar. Nur: Ein Frankreich, das sich dauerhaft Reformen verweigert, ist ökonomisch auch für Deutschland eine dauerhaft nicht zu schulternde Zentnerlast.

Wo und wie müsste Frankreich ansetzen, um die aufkeimende Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen?

Gerken: Das Problem der französischen Wirtschaft ist ihre nachlassende Wettbewerbsfähigkeit, vor allem aufgrund der zu hohen Lohnstückkosten. Die Produktionskosten und besonders die Lohn- und Lohnnebenkosten müssen drastisch gesenkt werden, und zwar durch Verlängerung der Arbeitszeit, Senkung der Reallöhne und vor allem der Lohnnebenkosten.

Hat Präsident Hollande Angst vorm Volk? Die Franzosen gelten als besonders streikbereit.

Gerken: Natürlich ist es nicht leicht, vor sein Volk zu treten und zu erklären, dass sich gerade alle Wahlversprechen in Luft und Rauch auflösen.

Wie lange geben Sie dem Patienten Frankreich noch, wenn es keine Reformen gibt?

Gerken: Man darf die Rechnung nicht ohne den Wirt machen, und der ist in diesem Fall die EZB. Die kann Frankreich durch das Anwerfen der Notenpresse noch eine Weile durchfüttern. Die Kosten müssten dann aber von allen Eurostaaten getragen werden.

Von Daniel Schneider

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