Interview

Ex-DDR-Ministerpräsident Hans Modrow über die Wünsche der Bürger und die Sicht der SED

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Hans Modrow

Kassel. Vor 25 Jahren: In der DDR nimmt die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu, doch die Staats- und Parteiführung hört die Signale nicht. Im Interview schildert Hans Modrow, damals SED-Bezirksleiter in Dresden und ab Herbst 1989 DDR-Ministerpräsident, seine Sicht der Dinge.

Gab es für Sie als ZK-Mitglied und Ersten SED-Sekretär in Dresden im Frühjahr 1989 Anzeichen, dass sich da etwas zusammenbraute?

Hans Modrow: In den drei sächsischen Bezirken hatten wir zwar DDR-weit die prozentual größte Zahl an Übersiedlungsanträgen in den Westen. Aber dieses Problem begleitete uns schon länger. Eine dramatische Zuspitzung, wie es sie dann ab Sommer gab, war nicht absehbar.

Welche Probleme erschienen einem SED-Bezirkssekretär damals wichtiger?

Modrow: Im Januar 89 habe ich im obligatorischen Monatsbericht an SED-Chef Erich Honecker auf große Spannungen in unserer Wirtschaft aufmerksam gemacht: Die Zulieferungsketten zu den Betrieben funktionierten nicht, Bauaufgaben in Berlin überforderten den Bezirk Dresden.

Was war das Resultat?

Modrow: Ich wurde von der Parteiführung persönlich nach Berlin vorgeladen und mir wurde vorgehalten: Wir als Parteiführung machen gute Politik und du im Bezirk setzt sie nicht richtig um. Deshalb wurde eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Wirtschaftssekretär Günter Mittag eingesetzt, die die Lage im Bezirk analysieren sollte. Am Ende stand ein umfangreicher Bericht, der an alle Bezirkssekretäre übermittelt wurde. Die Tendenz lautete: Wir haben mit den Dresdenern die Auseinandersetzung geführt und ja niemand solle glauben, es gebe eine andere Betrachtungsweise als die der Parteiführung.

Also war keine Reformdebatte möglich?

Modrow: Im Juni 89 wurde die Kritik an der Dresdener Partei vom Politbüro wiederholt und ich wurde aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen. Was ich aber nicht getan habe. Das mag man heute als Opportunismus auslegen. Doch ich glaubte damals nicht, dass die notwendige Reformdebatte über die tatsächliche Lage möglich sei.

Wie eng waren eigentlich die Kontakte eines Ersten SED-Bezirkssekretärs zum Parteichef in Berlin?

Modrow: Die Bezirkssekretäre waren angehalten, jeden Monat einen Brief an den „lieben Genossen Erich Honecker“ zu schreiben, in dem zusammengefasst wurde, welche Erfolge zu vermelden waren, wie die Parteiführung Prozesse leitete und gegebenenfalls Probleme löste. Mein Brief im Januar ging ein wenig aus diesem Schema heraus, weswegen ich mich in Berlin dafür zu verantworten hatte.

Hatten Sie jederzeit Zugang zu Honecker, konnte man ihn problemlos ans Telefon bekommen? 

Modrow: Es gab die Möglichkeit eines direkten Kontaktes über ein abhörsicheres Telefon sowjetischer Bauart. Ob es wirklich abhörsicher war, weiß ich aber nicht.

Wie standen Sie zur Reformpolitik von Michael Gorbatschow, die ja auch bei vielen DDR-Bürgern Hoffnungen weckte?

Modrow: Für die Sowjetunion hielt ich den Weg der Perestroika, also der Umgestaltung, zunächst für richtig. Dieser Weg schien mir aber auf die DDR nicht übertragbar, denn wir waren ein geteiltes Land mit anderen Problemen.

In unserem Partnerbezirk Leningrad erlebte ich zudem ab etwa 1988, dass sich die Versorgungslage verschlechterte und die Wirtschaft in eine kritische Lage abrutschte. Gorbatschows Politik stieß im eigenen Land an seine Grenzen.

Haben Sie mit Honecker über Gorbatschows Politik gesprochen?

Modrow: Honecker sagte mir im Februar 1989 im Politbüro ohne Widerspruch anderer Mitglieder, erst wenn die Sowjetunion einen Lebensstandard wie die DDR hat, würden wir über Perestroika (Umgestaltung) nachdenken. Das waren natürlich Widersprüchlichkeiten, die uns blockierten. Viele Bürger wünschten sich bereits damals, dass die Führung über Reformen nachdenkt.

In jenen Wochen wurden die Kommunalwahlen in der DDR vorbereitet. Erklären Sie den West-Lesern doch bitte, warum es immer zu diesen 99-Prozent-Ergebnissen kommen musste. Solchen Ergebnissen haftete doch etwas Lächerliches an.

Modrow: Nach der Maiwahl fand in Berlin ein großes Treffen der Jugend statt, auf dem Honecker ausdrücklich hervorhob, dass die Ergebnisse der Wahl die Zustimmung der Bevölkerung zur Partei- und Staatsführung zum Ausdruck gebracht hätten. In diesem Zeichen der Zustimmung lag stets die Bedeutung der Wahlen.

Obwohl es schon damals Hinweise auf Wahlfälschungen gab?

Modrow: Dass Honecker diese Wertung abgab, verblüffte mich schon, das muss ich zugeben. Denn es waren zu diesem Zeitpunkt ja bereits Probleme bei der Stimmenauszählung in den Wahllokalen bekannt geworden und es gab Anträge von Bürgern zur Überprüfung der Wahlergebnisse.

Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit aber eine ergänzende Anmerkung: Ich bin der einzige Erste SED-Bezirkssekretär aus der DDR, der wegen der Kommunalwahlen in der BRD vor Gericht gestellt wurde. Zunächst wurde ich vom Landgericht Dresden 1993 verwarnt, weil ich mich nicht genügend dafür eingesetzt hätte, um Wahlfälschung zu verhindern. Für die Justiz der Bundesrepublik war das aber zu wenig, weil die DDR nach Aussagen von Justizminister Kinkel kein Rechtsstaat mehr sein sollte. Im Revisionsverfahren wurde ich deshalb zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt. Die Immunität des Abgeordneten Modrow wurde aufgehoben, und aus dem Hoffnungsträger, den die BRD-Medien gekürt hatten, wurde ein Krimineller gemacht. Auch in der Bundesrepublik diente die Justiz also der Politik.

Wenn Sie mit dem Abstand von einem Vierteljahrhundert auf die Geschichte der DDR zurückschauen: Was war der Hauptgrund, dass die DDR nur 40 Jahre alt wurde?

Modrow: Da müssen wir zunächst auf die Gründung der DDR 1949 schauen. In den anderen Ländern des sowjetischen Machtbereichs ging es um die Entwicklung sogenannter Volksdemokratien. Das Hauptmotiv der DDR-Gründung war dagegen der Antifaschismus, was auch den Gegensatz zur Bundesrepublik kennzeichnete. Aber mehrere Generationen nach Kriegsende trug das Motiv des Antifaschismus nicht mehr als Bindemittel der Gesellschaft.

Das System der DDR war zudem sehr stark von dem der Sowjetunion geprägt. Und in dem Moment, wo in der Sowjetunion der wirtschaftliche und politische Niedergang begann, wurde die DDR in diesen Strudel hineingezogen. Ein Drittes kommt hinzu: Der Kapitalismus hat sich als flexibler erwiesen, als wir das angenommen hatten.

Das Interview führte Woflgang Blieffert

Zur Person: Hans Modrow

• Hans Modrow kommt 1928 in Jasenitz/Kreis Randow im heutigen Polen zur Welt.

• Bei Kriegsende wird er zum Volkssturm einberufen und gerät in Gefangenschaft. In dieser Zeit besucht er in der Sowjetunion eine „Antifa-Schule“.

• Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1949 arbeitet Modrow zunächst als Maschinenschlosser und tritt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei.

• Später studiert er und wird Diplomgesellschaftswissenschaftler und Diplomwirtschaftler.

• Seit 1958 Mitglied der Volkskammer, wird Modrow 1973 Erster SED-Sekretär in Dresden.

• Im Herbst 1989 ist er mitverantwortlich für das harte Vorgehen der Volkspolizei gegen Demonstranten am Hauptbahnhof, aber auch Mitinitiator des Dresdner Dialogs mit der oppositionellen „Gruppe der 20“.

• Als DDR-Ministerpräsident versucht Modrow, einen geordneten Wandel herbeizuführen. Er bemüht sich, die Eigenständigkeit der DDR zu bewahren und nur eine Konföderation mit der Bundesrepublik einzugehen. Nach den freien Volkskammerwahlen wird er 1990 von Lothar de Maiziere (CDU) abgelöst.

• Im wiedervereinigten Deutschland ist Modrow zunächst Bundestags-, später Europaabgeordneter.

• 2003: Ehefrau Annemarie stirbt. Hans Modrow hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

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