HNA-Interview

„Es war eine Riesenumverteilung“ - Experte: Hyperinflation von 1922/23 war großer Gleichmacher

Hyperinflation - Geld wurde immer wertloser, Waren immer wertvoller: Kartoffelverkauf unter Polizeischutz im Sommer 1923 in Berlin.
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Geld wurde immer wertloser, Waren immer wertvoller: Kartoffelverkauf unter Polizeischutz im Sommer 1923 in Berlin.

Die Inflation steigt Richtung sechs Prozent. Das weckt Erinnerungen an die Hyperinflation der 1920er Jahre. Darüber sprach Tibor Pézsa mit Prof. Dr. Carl-Ludwig Holtfrerich. 

Was löste 1922 die Hyperinflation aus?
Ein vom führenden amerikanischen Bankier J.P. Morgan jr. geleiteter Ausschuss der Reparationskommission hatte versucht, insbesondere Franzosen und Belgier zum Verzicht auf einen Teil ihrer Reparationsforderungen zu bewegen. Das sollte die Gegenleistung für langfristige US-Kapitalexporte nach Deutschland zur Mark-Stabilisierung und Erleichterung der Reparationsüberweisungen sein. Das Projekt scheiterte am 10. Juni 1922.
Wie war die Vorgeschichte?
Das Reich hatte alle Ausgaben für den Krieg 1914 bis 1918 über Verschuldung finanziert, also mit der Notenpresse. Gleichzeitig blieben die Preise gedeckelt. Wenn aber zu viel Geld im Umlauf ist und die Preise nicht steigen können, kommt es zu Mangellagen. In Deutschland kam es sogar zu Hungersnöten, nicht nur wegen der britischen Seeblockade. Nach dem Krieg blieben den Reichsregierungen angesichts hoher Reparationszahlungen, enormer Kosten für den Wiederaufbau der beschlagnahmten Handelsflotte, der Kriegerwitwenrenten und der Wiedereingliederung von Millionen ehemaliger Soldaten nur neue Schulden.
Im Juni 1922 konnte also jeder sehen, dass das Reich die Reparationen auf keinen Fall zahlen könnte?
Ja. Auch wenn es in Deutschland nach 1918 mithilfe der stark abwertenden Mark im Anschluss an die Freigabe des zuvor gebundenen Wechselkurses zu großen spekulativen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland und zu einem Wirtschaftsaufschwung mit Vollbeschäftigung gekommen war. Nach J.P. Morgans Scheitern kam es ab Juni 1922 zu massiven Preissteigerungen von über 50 Prozent pro Monat. Denn auch Ausländer versuchten nun, ihre spekulativen Anlagen in Mark abzuziehen und stürzten damit den Mark-Wechselkurs ins Bodenlose.
Was hieß das für Arbeiter?
Sie kamen vergleichsweise glimpflich davon. Denn schon im November 1918 hatten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf eine Indexierung besonders der niedrigen Löhne geeinigt: Die Löhne der Arbeiter stiegen entsprechend mit den Preisen. Bei den zuvor besserverdienenden Facharbeitern war diese Anpassung geringer. Sie verloren stark.
Wie ging es den Bauern?
Die hatten ja Grund und Boden. Verschuldete Bauern konnten sich während der Inflation leicht entschulden.
Und Mieter und Immobilieneigentümer?
Die Mietpreise waren 1914 eingefroren worden. Wer damals zum Beispiel 60 Mark Miete gezahlt hatte, zahlte das auch noch 1923. Die Eigentümer von Mietwohnungen konnten von einer Monatsmiete bald keine Handwerkerstunde mehr bezahlen. Weil Mietshäuser nur noch Kosten einbrachten, wurden viele extrem billig gekauft, oft von US-amerikanischen Investoren. Anders als die Mark war der Dollar an den Goldpreis gebunden.
Wann löste sich diese Situation auf?
In West-Berlin eigentlich erst mit der Abschaffung der Mietpreisbindung in den 1980er Jahren. Ganz ohne Mietanpassungen wurde dies fortgeführt in der DDR. Der darauf beruhende Verfall der Häuser in Ostdeutschland war ja nach der Wende überall zu sehen.
Wie kamen Rentner durch die Inflation?
Mit Ausnahme des Verlusts ihrer Spargroschen relativ glimpflich, weil der Staat Anpassungen vornahm. Die größten Verlierer der Hyperinflation waren sogenannte Rentiers. Das waren Inhaber von Schuldverschreibungen, wie den im Krieg heftig beworbenen Kriegsanleihen, von Unternehmensanleihen, Direkthypotheken oder auch kurzfristigen Schuldtiteln. Der einstige Wohlstand der Rentiers war nur noch Papier.
Wie ging es verschuldeten Immobilieneigentümern?
Als Selbstnutzer gehörten sie zu den Gewinnern dieser Zeit. Als Vermieter durch die Entschuldung und die nach 1923 wieder werthaltigen Mieteinnahmen auch. Allerdings sah das auch der Staat: Er führte eine Hauszinssteuer ein, welche die inflationsbedingten Vorteile der Hypothekenkreditnehmer durch eine Sonderbelastung zugunsten des neu eingeführten Sozialen Wohnungsbaus ausgleichen sollte.
Was bedeutete die Hyperinflation für Beamte?
Die Beamtenschaft verlor massiv; kleinere Beamte weniger stark als die gut verdienenden. Die niedrigen Bezüge wurden weitgehend an die Preisentwicklung angepasst. Höhere Beamte büßten dagegen massiv Wohlstand ein.
Hat die Große Inflation also die Schere zwischen Arm und Reich geschlossen?
Ganz eindeutig: Ja. Die Inflation war ein großer Gleichmacher. Was die Rentiers vor 1914 abgeschöpft hatten, blieb nach 1923 in hohem Maße bei Arbeitern und Angestellten. Es war eine Riesenumverteilung. Einkommensanteile aus unternehmerischer Tätigkeit blieben im selben Zeitraum ungefähr gleich.
Waren es Umverteilung und Vertrauenskrise, welche diese Zeit für viele so traumatisch machte?
Sicher. Aber die Erinnerung daran wurde auch von Politikern absichtsvoll geschürt. Vor allem von dem Zentrumspolitiker Heinrich Brüning, der ja von 1930 bis 1932 Reichskanzler war. Brüning beschwor die Schrecken der Inflation, um Lohn- und Preissenkungen sowie Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen per Notverordnungen am Parlament vorbei durchsetzen zu können.
Gleichwohl waren die Umbrüche doch erschütternd.
Ja, die ganze Gesellschaft und ihre Einkommensverhältnisse wurden umgekrempelt. Für viele Handwerksmeister war es bis dahin typisch gewesen, dass sie für ihre Alterssicherung ein Mietshaus hatten. Die Entwertung dieser Häuser traf viele Betriebe schwer. Die Unzufriedenheit vieler Handwerker und höherer Beamter steigerte sich während der Weltwirtschaftskrise seit 1929. Deren und der Millionen-Arbeitslosen tief erschüttertes Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates trieb sie den Nationalsozialisten zu.
Den Hitlerputsch am 9. November 1923 konnte die Republik noch abwehren...
... ja, und zwar trotz der Hyperinflationserfahrung. In den Wahlen vom Mai 1924 errangen die Nationalsozialisten 6,5 Prozent der Stimmen, im Dezember 1924 nur noch 3,0 Prozent. 1928 fielen sie auf 2,6 Prozent. Es war gar nicht absehbar, dass diese Partei wenige Jahre später die Macht übernehmen könnte. Das ist ihr nur gelungen, nachdem Brüning die deutsche Wirtschaft durch verschärfende Maßnahmen in die große Depression und eine massive Arbeitslosigkeit geführt hatte.
Was unterscheiden die heutigen Preissteigerungen von der damaligen Inflationszeit?
Der große Unterschied ist die heutige Haushaltspolitik, besonders die der deutschen Regierungen. Die sind ja bis zur Pandemie geradezu stabilitätsbesessen gewesen, wollten sogar Überschüsse einfahren. Ab 2023 soll auch wieder die Schuldenbremse gelten.
Machen ihnen die Anleihekäufe der Notenbanken keine Sorgen?
Nein, im Gegenteil. Die heutigen Negativzinsen, die Sparer ja unbestritten verkraften müssen, sind keine Folge der Geldpolitik der EZB. Der Zinssatz ist der Preis auf dem Kapitalmarkt, der sich durch Angebot von Ersparnissen und Nachfrage nach Krediten einpendelt. Die Nachfrage nach Kredit ist weltweit massiv zurückgegangen, besonders im Unternehmensbereich. Gleichzeitig ist das globale Angebot an Ersparnissen in Schwellenländern in Lateinamerika, in China, Russland, Japan, Indien und anderswo massiv gestiegen. Die Folge: Die Zinsen fallen bis ins Negative. Die Zentralbanken stabilisieren durch ihre Anleihekäufe kompensatorisch das Geldmengenwachstum, das sonst wegen geringer Kreditnachfrage im Buchgeldbereich der Banken einbrechen würde. Sie verhindern so das Abrutschen der Weltwirtschaft in eine Deflation und schwere Wirtschaftskrise. Im veränderten Verhältnis von globaler Ersparnis und Kreditnachfrage liegt der Schlüssel zur Erklärung der Niedrigzinsen. Auch Zentralbanken mit ihren geringen Handlungsspielräumen sind solchen Marktentwicklungen machtloser ausgeliefert als wir Bürger. Wir können unsere Ersparnisse reduzieren und unsere Kreditmöglichkeiten ausnutzen und so unseren Beitrag zu höheren Zinssätzen leisten.
Prof. Dr. Carl-Ludwig Holtfrerich

Zur Person

Carl-Ludwig Holtfrerich (79), 1942 im westfälischen Everswinkel geboren, lehrte Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte in Frankfurt, Oxford, Berlin und forschte auch an der Harvard Universität und in Washington/USA. Der Vater zweier erwachsener Kinder wurde vielfach ausgezeichnet, so etwa für eine Unternehmensgeschichte der Deutschen Bank. Holtfrerichs Untersuchung der Hyperinflation in Deutschland gilt als Standardwerk. tpa  

Hyperinflation 1923: Geldscheine waren nur noch so viel wert wie das Papier, auf dem sie gedruckt wurden. Immer schneller wurden alte Scheine aussortiert und neue mit immer höheren Summen bedruckt. Lumpenhändler kümmerten sich um den Rest.

Hintergrund: Der Dawes-Plan

Gegen Ende der Hyperinflationszeit 1923 war im Deutschen Reich weit mehr stabiles ausländisches Geld, wie holländische Gulden, britische Pfund und US-Dollar, im Umlauf als Markbanknoten. Erst der Dawes-Plan (nach dem US-Bankier Charles G. Dawes) führte ab August 1924 international überwachte geld- und haushaltspolitische Regeln ein. Die neue Reichsmark wurde fest an den Dollar gekoppelt, somit indirekt wieder ans Gold. tpa

Rasant steigende Preise: Wer nicht mithalten konnte, musste hungern. Blick in ein Elendsquartier in den 1920er Jahren.
Lohnauszahlung 1923: Das Geld musste bald wäschekörbeweise geliefert werden. Die Geldscheine wurden mit immer höheren Summen bedruckt.

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