Ökonom Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

Experte im HNA-Interview: "Weniger Wachstum, aber keine Rezession"

Kassel. Vor einer neuen Wirtschaftkrise brauchen wir erst einmal keine Angst zu haben, sagt Ökonom Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Für Griechenland empfiehlt er außer Sparpolitik auch ein Konjunkturprogramm. Unsere Langfassung des Zeitungsinterviews von Hannes Koch.

Die Deutschen haben sich endlich mal entspannt. Weil die Wirtschaft gut läuft und es zusätzliche Arbeitsplätze gibt, sind sie nicht mehr so ängstlich, haben Umfragen im Sommer ergeben. Doch jetzt soll alles schon wieder vorbei sein. Kommt die nächste Wirtschaftskrise?

Christian Dreger: Nein. Es hat keinen Sinn, die Entwicklung zu dramatisieren. Im 3. Quartal diesen Jahres wird die Wirtschaft wachsen. Danach fällt der Zuwachs aber erst einmal nur noch bescheiden aus. Aber dass es zu einer Rezession, also einer Schrumpfung der Wirtschaft über mindestens zwei aufeinanderfolgende Quartale kommt, nehmen wir nicht an.

Woran liegt es denn, dass sich die guten Aussichten so schnell eintrüben?

Dreger: Die konjunkturelle Entwicklung in den USA hat sich abgeschwächt. Die Amerikaner konsumieren weniger, die Unternehmen verkaufen weniger und stellen kaum Arbeitskräfte ein. Die schwache Dynamik belastet auch die Weltwirtschaft. Die USA sind mit einem Anteil von etwas über 20 Prozent immer noch die größte Volkswirtschaft der Erde.

Und in Europa?

Dreger: Hier dämpft die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte kurzfristig die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Viele Regierungen sparen, um weniger Kredite aufnehmen zu müssen. Auch in Deutschland ist die weitere Konsolidierung angesagt, der Druck ist aber nicht so hoch wie in vielen anderen EU-Staaten. Hinzu kommt die hohe Unsicherheit, die sich aus der noch nicht gelösten Schuldenkrise ergibt.

Christine Lagard, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, und US-Finanzminister Timothy Geithner plädieren für ein europäisches Konjunkturprogramm. Mehr öffentliche Investitionen und Ausgaben sollen verhindern, dass die Wirtschaft abermals so abstürzt wie nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank 2008. Ein guter Vorschlag?

Dreger: Für Griechenland hat das DIW schon vor Monaten Stützungsmaßnahmen vorgeschlagen. Die bisherige Sparpolitik alleine wird dort nämlich nicht zum Erfolg führen. Stattdessen sollte die EU gezielt Zukunftsinvestitionen unterstützen, die Arbeitsplätze und Wohlstand generieren. Man könnte auch daran denken, Sonderwirtschaftszonen einzurichten, um neue Unternehmen anzusiedeln.

Brauchen Deutschland und andere Euro-Staaten ebenfalls einen ökonomischen Impuls?

Christian Dreger

Dreger: Auch in Portugal kann dies hilfreich sein. Was die gesamte EU betrifft, sehe ich aber keine Notwendigkeit für ein Konjunkturprogramm. In Deutschland ist die Beschäftigung auf Rekordniveau und die Inflation über dem Durchschnitt. Zusätzliche Staatsausgaben würden die Nachfrage erhöhen und die Preise nach oben treiben, angesichts des engen Arbeitsmarktes auch die Lohnkosten. In anderen Ländern wie in Italien würden mehr öffentliche Investitionen die ohnehin hohen Zinsen weiter anheben und es den privaten Unternehmen erschweren, Kredite zu bekommen.

Christian Dreger (52) leitet seit 2008 die Abteilung Makroökonomie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

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