Experten warnen: Gülle und Mais setzen dem Trinkwasser zu

Osnabrück. Niedersachsen gehört zu den größten Agrarländern Deutschlands. Aber der Boom bei der Massentierhaltung und den Biogasanlagen hat eine Schattenseite: Die Werte von gesundheitsschädlichem Nitrat im Grundwasser steigen - so warnen Experten.

Marlies Albers ist Geschäftsführerin der Wasserversorgung Wallenhorst, die die 25.000-Einwohner-Gemeinde nördlich von Osnabrück mit Trinkwasser versorgt. Kürzlich hatte sie ein Problem: Ein Trinkwasserbrunnen musste aufgegeben werden, weil die Nitratwerte zu hoch waren. „Um die Versorgungssicherheit aufrecht zu halten, haben wir beschlossen, Wasser aus Osnabrück hinzuzukaufen“, sagt Albers.

„Das ist ein Riesenproblem in Niedersachsen“, sagt Florian Schöne. Er ist Agrarexperte beim Naturschutzbund Deutschland. Das Land zwischen Ems und Elbe sei die „Spitze des Eisbergs“, was die zunehmende Belastung des Trinkwassers mit dem gesundheitsschädlichen Nitrat betreffe. Der Forschung zufolge gebe es eine Reihe von Faktoren, die diesen bedenklichen Trend anhheizen. Durch die großen Massentierställe komme viel Gülle aufs Feld. Dann werde verstärkt Mais angebaut, der viel Dünger vertrage. Hinzu komme der anhaltende Verlust von Weideflächen, Grünlandumbruch genannt.

Auf den früheren Weideflächen werde jetzt vor allem Mais angebaut, und das meist ohne andere Zwischenfrüchte, die den Dünger aufnehmen könnten, bevor er vom Regen ausgewaschen und tiefer in den Boden bis zum Grundwasser gelange, sagt Schöne. Dünger enthält Stickstoff, der schließlich durch Umwandlungen zu Nitrat wird.

Das Problem sieht auch einer der großen Wasserversorger in Niedersachsen, der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV). Das Trinkwasser ist noch in Ordnung. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, wann der jetzt bodennah ermittelte Nitratgehalt in der Tiefe der Förderbrunnen ankomme, sagt Verbandssprecher Lutz Timmermann.

Im Wasserschutzgebiet Thülsfelde im Kreis Cloppenburg sei durch Wasserschutzbemühungen die Konzentration von 96 Milligramm im Jahr 2001 auf 63 Milligramm im Jahr 2006 erreicht worden. „2011 waren wir wieder bei 90 Milligramm angelangt“, sagt Timmermann. Die Nitratfrachten, die heute in den Boden eindringen und erst in zehn bis 50 Jahren die tieferen Bereiche der Grundwasserleiter erreichten, bereiteten dem OOWV Sorge. „Diese Hypothek dürfen wir nachfolgenden Generationen nicht aufbürden“, meint Timmermann.

Auch der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) warnt vor einem Nitratanstieg. 2009 seien an 193 Messstellen Nitratwerte oberhalb des Grenzwertes von 50 Milligramm pro Liter Wasser überschritten worden, 2012 an 202 Messstellen. An Trinkwasserbrunnen sei aber nicht gemessen worden. Das Trinkwasser in Niedersachsen sei noch von einwandfreier Qualität. „Im Mittel liegt die Konzentration von Nitrat im Trinkwasser bei etwa 10 Milligramm pro Liter.“

Die Politik habe das Problem erkannt, sagt Nabu-Experte Schöne. Es müsse massiv gegengesteuert werden, sonst ließen sich EU-Vorgaben zur Wasserqualität nicht einhalten. Schon die alte Landesregierung unter Agrarminister Gert Lindemann (CDU) hatte an einer Verschärfung der Gülleverordnung gearbeitet. Seitdem müssen Landwirte ihre Güllemengen zweimal jährlich der Landwirtschaftskammer melden.

Die neue rot-grüne Landesregierung will mit einigen Maßnahmen das Problem in den Griff kriegen. Geplant ist zum Beispiel ein Güllekatasters im nächsten Jahr oder ein landesweites Nährstoffmanagement. „Weitere Anpassungen der Düngeverordnung sind für die Zukunft geplant“, heißt es beim NLWKN.

„Die Landwirte sind sich des Problems bewusst“, sagt die Sprecherin des Bauernverbands Landvolk, Gabi von der Brelie. Die Bauern bemühten sich, dass die Gülle entsprechend den Umwelt- und Trinkwasserschutzbestimmungen auf die Felder gebracht werde. (dpa)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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