Extremismus-Forscher Alexander Häusler über "Pegida"

„Wutbürgertum mit rechten Vorstellungswelten“: Demonstration der Pegida-Bewegung in Dresden. Foto: dpa

Die Sorge über die neue Anti-Islamisierungs-Bewegung „Pegida“ wächst. HNA-Redakteur Jörg S. Carl sprach darüber mit dem Sozialwissenschaftler Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf.

Etwa 10 000 Menschen hat Pegida mobilisiert. Das war die höchste Beteiligung in Dresden. Auch in Düsseldorf und Kassel gingen wieder Protestierende auf die Straßen. Muss sich Deutschland Sorgen machen, dass da eine landesweite Bewegung gegen Ausländer entsteht? 

Häusler: Das kann man nicht automatisch aus den Zahlen ableiten. Aber sie zeigen, dass das Thema Islamisierung Menschen mobilisiert. Zugleich bietet Pegida ein Ventil an, um dahinter stehende, ganz andere Ängste aufzufangen und zu kanalisieren.

Welche Ängste? 

Häusler: Es geht um Angst vor Zuwanderung generell, und es geht um die Zahlen der Asylbewerber. Auch die Angst vor dem Verlust von kultureller Identität spielt eine Rolle. Dies alles mischt sich mit Wut auf die Politk und die Medien. Es tritt ein Milieu in Erscheinung, das sich vermeintlich heile Welten der Bundesrepublik aus den 1950er-Jahren zurückwünscht und mit Veränderungen in der Gesellschaft nicht einverstanden ist.

Wer geht da auf die Straße? Sind das vor allem Menschen vom sogenannten Rand der Gesellschaft? Oder ist das der ansponsten brave Bürger, der plötzlich wütend wird? 

Häusler: Sowohl als auch. Auftrieb hat diese Bewegung auch bekommen durch die gewalttätigen Hooligan-Demonstrationen in Köln. Deshalb findet man bei den Pegida-Protesten eine krude Mischung von Teilnehmern. Da läuft der ältere Herr, der sich um den kulturellen Verlust seiner Heimat Gedanken macht, in einer Reihe mit Hooligans und neonazistischen Gruppierungen. Sie alle eint eine Wut auf die politische Klasse und auf politische Veränderungen. Es ist ein Wutbürgertum mit rechten Vorstellungswelten, das sich da zusammenfindet.

Werden durch Pegida nur Ressentiments gegen Muslime geschürt oder auch gegen andere Gruppen? 

Häusler: Große Feindbilder sind die Politik und die Medien. Es wird dort deutlich gesagt: Redet nicht mit den Medien, denn die lügen. Die seien politisch korrekt gesteuert, und man selbst dürfe nicht mehr seine freie Meinung sagen. Was diese Leute unter freier Meinung verstehen, ist allerdings die Legitimation dafür, Ressentiments auszudrücken. Wenn diese kritisiert werden, wird davon gesprochen, das Recht auf Meinungsäußerung sei beschnitten worden. Das ist ein Sprachduktus, den man bisher von rechtspopulistischen Gruppierungen kannte.

Die Spitze der Pegida argumentiert, man sei nicht gegen das Recht auf Asyl, sondern gegen zu viele Wirtschaftsflüchtlinge sowie gegen eine angebliche Islamisierung. Man solle aber mit der Nazi-Keule mundtot gemacht werden. Wieviel Nazi steckt in Pegida?

Häusler: Im Unterschied zu der Hooligan-Bewegung gegen Salafismus, die sich zur rechten Szene bekennt, distanziert sich Pegida von Extremismus und Gewalt. Man macht auch bewusst ein niedrigschwelliges Angebot, um ganz unterschiedliche Kreise zum Mitlaufen zu animieren. Von Distanz zum rechten Rand kann allerdings keine Rede sein, weil dort die üblichen Verdächtigen von Rechtsaußen mitlaufen. Die haben die Bewegung von Anfang an mitgetragen.

Es gibt zahlreiche Gegenproteste und warnende Stimmen von Politikern. Wie aber muss die Politik handeln, um sowohl Pegida einzudämmen als auch den Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen? 

Häusler: Solange die Pegida-Bewegung nicht parteipolitisch oder sonstig organisatorisch gebunden wird, ist fraglich, ob sich diese Bewegung ausbreitet oder in sich zusammenfällt. Allerdings verschwinden damit nicht die Einstellungen und das Wutbürger-Potenzial. Hier müssen Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit deutlich machen, dass man den Rechten kein leeres Feld überlässt.

Man muss sich klar gegen islamistischen Terrorismus und religiösen Fanatismus wenden und handeln, ohne den Protestierenden nach dem Munde zu reden. Das Ziel muss sein, nicht auszugrenzen, sondern besser und vernünftiger in der multikulturellen Gesellschaft miteinander klarzukommen. Deutschland braucht Einwanderung, das muss klargemacht werden. Wir sind ein Einwanderungsland, und dieser Prozess kann nicht mehr zurückgedreht werden.

ZUR PERSON

Alexander Häusler (51) ist Sozialwissenschaftler und Rechtsextremismus-Forscher an der Fachhochschule Düsseldorf. Seine Schwerpunkte sind Neonazismus, rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien und Bewegungen.

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