In den Fängen der Stasi: Ex-HNA-Redakteur über Köder-Versuche

Kassel. Morgen wird der Tag der deutschen Einheit gefeiert. Aus diesem Anlass werfen wir einen Blick zurück: Auf die Art und Weise, wie die Stasi versuchte, Westbürger anzuwerben. Ex-HNA-Redakteur Werner Keller erzählt.

Pfingsten 1983. Im Ratskeller einer Kleinstadt im DDR-Bezirk Schwerin begießen mein Cousin Volker und ich unser Wiedersehen mit ein paar Bier. Das Gespräch wird mit verhaltener Lautstärke geführt.

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Andere Gäste müssen nicht unbedingt mitbekommen, was den Besucher aus Hessen und den Mecklenburger bewegen. Volker druckst am Schluss der Begegnung etwas herum. „Du hör mal, da will Dich aus meinem Betrieb jemand sprechen, hat nur ein paar Fragen, geht ganz schnell, Du hast doch nichts dagegen?“

Sein Arbeitgeber war der Volkseigene Betrieb (VEB) Kraftverkehr, der Transportleistungen aller Art in jedem Kreis der Ost-Republik erbrachte: vom Linienbus bis zum Güterverkehr.

Mehr aus Gefälligkeit sage ich das Gespräch zu. Treffpunkt soll die bekannte Gaststätte Weinhaus Uhle im Herzen Schwerins sein, am Montag nach Pfingsten, der in der DDR ein normaler Werktag war.

Zur vereinbarten Zeit bin ich zur Stelle, doch das Restaurant hatte Ruhetag. Alles verschlossen, keine anderen Gäste in Sicht. Damit hatte sich die Begegnung erstmal erledigt.

Viel gefragter Gesprächspartner: Werner Keller (rechts) wird 1988 von HR-Reporter Bernd Hummel zur HNA-Serie „Blick über die Grenze“ interviewt.

Februar 1984. In meiner Wohnung in Witzenhausen klingelt das Telefon, in der Leitung knackt es ständig. Volker ruft angeblich aus einem Postamt in Magdeburg an: „Bin demnächst ganz in Deiner Nähe, in Mühlhausen in Thüringen, mache einen Lehrgang. Da können wir uns doch mal treffen.“

Ich war etwas überrascht, doch Volker bedrängte mich: Nochmal in den Westen anrufen, werde so schnell wohl nicht wieder möglich sein. Ich musste mich also sofort entscheiden. Ein Visum für den kleinen Grenzverkehr hatte ich noch.

Wir treffen uns an einem regnerischen Nachmittag im Hotel Stadt Mühlhausen, trinken Kaffee, plaudern über die Neuigkeiten in der Verwandtschaft hüben und drüben. Dann kommt der Cousin zur Sache: „Da wartet jemand im Rathaus auf Dich, möchte Dich ganz kurz sprechen.“

Ich werde hellhörig. Eine Falle, die nach Stasi roch. Ich mache meinem Verwandten unmissverständlich klar: Kontakte mit der Staatssicherheit kommen für mich nicht in Frage. Das würde meine berufliche Existenz gefährden. Wir trennen uns, unbehelligt reiste ich über den Grenzübergang Teistungen/Duderstadt wieder in den Westen.

September 1984, ein neuer Besuch in Mecklenburg. Das Wetter ist noch sommerlich, ich mache mit dem Auto einen Ausflug Richtung Ostsee. Auf der noch neuen Autobahn Berlin-Rostock bemerke ich, wie ein heller Wartburg in einigem Abstand folgt. Ich mache einen Test, fahre auf einen Parkplatz, der Wartburg hinterher. Mir wird klar: Die wollen was von Dir.

In Panik verlasse ich bei Güstrow die Autobahn, in der Hoffnung, die Verfolger abschütteln zu können. Doch in der Altstadt verfahre ich mich, lande in einer Sackgasse. Neben meinem Renault 14 stoppt auch gleich der mit drei Personen besetzte Wartburg.

„Guten Tag Herr Keller, wir wollten mal mit Ihnen sprechen, wir können auch gerne weiter nach Rostock fahren.“ Der Wortführer ist höflich, redegewandt, erzählt was von Zeitungsberichten, die ich über die Grenze in Hessen veröffentlicht habe: „Waren auch immer objektiv.“

Reflexartig wende ich mein Auto, gebe Gas und brause davon. Ich will nur noch eines, wieder zurück nach Westdeutschland. Die Stasi-Truppe hinterher, die auf der Autobahn jedoch keine Chance hat, mich zu stellen.

Zurück in die Wohnung der Tante in der Kleinstadt P. Sachen packen und weg. Die Tante, jenseits der 70, kann das alles gar nicht verstehen, weint. Schneller Abschied. Mein Kalkül, dass die Stasi-Leute sich nicht der Wohnung der Verwandten nähern würden, geht auf. Mitwisser bei Anwerbeversuchen, so erfahre ich später, waren nicht erwünscht.

Eine andere Sorge treibt mich um: Würde es noch möglich sein, den Übergang Salzwedel zu passieren oder würden man mich dort festsetzen? Der Grenzübertritt verläuft dann aber routinemäßig, ohne Auffälligkeiten.

Vom nächsten Parkplatz in Niedersachsen rufe ich zuhause in Eschwege an.

Ausführliches Protokoll

Am anderen Tag informiere ich meinen Vorgesetzten bei der HNA und nehme Kontakt zur Kriminalpolizei auf. Ein Beamter kommt in meine Wohnung, macht ein ausführliches Protokoll. Mit der Selbstanzeige sei ich aus dem Schneider, meint er zum Abschied.

Wie er denn in meiner Zwangslage während des Aufenthaltes in der DDR reagiert hätte, will ich von dem Kripo-Mann wissen. Der Hauptkommissar: „Zum Schein auf die Forderungen eingehen.“

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