Einsamkeit, Drogen, Alkohol: Das Leben in Berlin verlangt von den Abgeordneten psychische Stabilität

Zum Fall Volker Beck: Politiker oft wie im Rausch

Sich enorm aufputschen und dann schnell wieder runterkommen, um ein wenig Schlaf zu finden, das ist der Rhythmus der Bundestagsabgeordneten in Berlin. Ihre physische und psychische Belastung ist enorm.

Die rund 20 Sitzungswochen bedeuten nicht nur 20 Wochen mit Arbeitstagen, die zwölf und mehr Stunden dauern, sondern auch 20 Wochen fern von zu Hause. Es sind Wochen wie im Rausch und Wochen der Einsamkeit gleichzeitig. Nicht jeder ist gefestigt genug, um sie ohne Drogen und Alkohol durchzustehen. Von unserem Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff.

Der jetzt mit Crystal Meth erwischte Grünen-Abgeordnete Volker Beck ist nicht der erste und einzige, der ein Problem hat. Häme, wie sie CDU-Fraktionsvize Michael Kretschmer mit seiner Twitter-Bemerkung „Und Tschüss“ zeigte, ist völlig unangebracht. Politiker aller Parteien sind betroffen.

Dabei sind Drogen eher selten. Außer Beck ist bisher nur ein solcher Fall bekannt geworden, der des mit Crystal Meth erwischten SPD-Mannes Michael Hartmann.

Außer den Berliner Wahlkreis-Abgeordneten pendeln alle anderen zwischen der Hauptstadt und ihrer Heimat. Dort sind sie eine große Nummer, in Berlin erkennt sie niemand auf der Straße. Hier können sie ein zweites, geheimes Leben führen. Wie viele Ehen unter diesen Umständen angespannt sind, wie viele in die Brüche gehen, weiß man nicht. Man sieht nur die prominenten Fälle.

Die wirklich gefährliche Alltagsdroge auch im Bundestag ist der Alkohol. Ein Abgeordneter kann ihm praktisch nicht entrinnen. Nicht im Wahlkreis bei den zahlreichen Jubiläen und Festen, erst recht nicht in der Hauptstadt. Fast jeden Abend gibt es Empfänge. Botschaften, Verbände und Unternehmen laden ein. Alles ist gratis, es ist gesellig, man trinkt und möchte nicht weg. Auch viele Journalisten und Lobbyisten in der Hauptstadt kennen das Problem, eigentlich alle, die sich ständig im Regierungsviertel bewegen. Aber sie haben in Berlin wenigstens ein Zuhause und damit soziale Kontrolle.

Abgeordnete nicht. Da gab es jenen prominenten Parlamentarier, der sich angewöhnte, auf dem Weg in seine Bude gelegentlich noch einen Absacker in einer eher rustikalen Kneipen im Bahnhof zu trinken. Bald war er da fast jeden Tag. Es gab ein Kabinettsmitglied, das den Journalisten beim Interview schon am Nachmittag Champagner auffahren ließ - um selbst mitzutrinken. Er verbrachte die Nächte allein in einer kleinen Dienstwohnung.

Der inzwischen verstorbene CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff war der bisher einzige, der sich zu seinem Suchtproblem bekannte und nach einer Alkoholfahrt in seinem Wahlkreis eine Entzugstherapie begann. Alle anderen tun so, als hätten sie die Sache im Griff.

Die Fraktionen wissen um all diese Probleme und Versuchungen. Zu Beginn jeder neuen Legislaturperiode werden die neuen Parlamentarier darauf hingewiesen, dass sie sich bei privaten Krisen vertrauensvoll an die Fraktionsgeschäftsführer wenden sollen. Bei den Grünen hieß der bis vor drei Jahren Volker Beck.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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