Medizinstudentin Ardiana Wagner engagiert sich in Flüchtlingscamps

Flüchtlinge in Jordanien: „Sie warten auf ihre Rückkehr“

Medizinstudentin Anne Strapatsas im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari.

Medizinstudentinnen der Universität Witten/Herdeck (NRW) helfen für den Flüchtlingen in Jordanien. Wir sprachen mit einer der Initiatoren, Ardiana Wagner, über ihre Arbeit.

Frau Wagner, wie ist die Situation in jordanischen Camps? 

Ardiana Wagner: Die meisten Camps sind ganz in der Nähe von Syrien. Im Camp Al Zataari – sechs Kilometer südlich der syrischen Grenze – leben aktuell schätzungsweise 120 000 Flüchtlinge aus Syrien. Die Zahlen sind ungenau, weil sich nicht alle Flüchtlinge registrieren lassen oder dies können. Die Menschen leben in Zelten, ohne Heizung, ohne Elektrizität, ohne Kanalisation. Für eine Kanalisation sorgen die Flüchtlinge selbst und graben sich kleine Ausgänge aus den Zelten. Sie leben zu zehnt auf engstem Raum, manchmal teilen sie sich sogar die Matratzen.

Wie steht es um die Versorgung der Flüchtlinge? 

Wagner: Die dortigen Camps kann man nicht mit denen in Europa vergleichen. Verschiedene Organisationen unterstützen die Camps der UN – und darauf sind sie auch angewiesen. Es mangelt an Hygieneartikeln, weshalb die Flüchtlinge oft erkranken. Es fehlen auch Säuglingsmilch und Windeln. Man denkt, dass man mit Kleidung und Lebensmitteln deren Grundversorgung wieder herstellen kann, aber es werden auch Babys geboren und die haben keine guten Startbedingungen.

Wie beurteilen Sie die medizinische Versorgung? 

Wagner: Dort gibt es Krankenhäuser, die haben aber eine spartanische Ausstattung. Abwechselnd sichern dort verschiedene Organisationen, wie Ärzte ohne Grenzen oder Flying Doctors of America, die medizinische Versorgung im Camp. Und jeder bringt seine eigenen Hilfsgüter, sein eigenes Equipment mit. Man ist vor allem auf Spenden angewiesen – Medikamente kommen von Pharmaunternehmen. Die Flüchtlinge könnten auch zu jordanischen Ärzten oder in jordanische Krankenhäuser gehen, allerdings kostet dies viel Geld und ist für die Flüchtlinge nicht bezahlbar. Daher sind sie auf unentgeltliche Hilfe angewiesen.

Wie fühlen sich die Syrer so nah an der Grenze zu ihrer Heimat? 

Wagner: Die Zeltstädte sind nah an der Grenze. Nachts, das berichteten einige Flüchtlinge, hören sie das Einschlagen der Bomben. Man ist nicht kilometerweit vom Kriegsgeschehen entfernt. Die Menschen warten auf ihre Rückkehr.

Warum engagieren Sie sich in Jordanien? 

Wagner: In den Medien hört man seit Langem von der Situation in Syrien, und ich hatte schon lange das Bedürfnis, helfen zu wollen. Erst wusste ich nicht wie, doch dann haben Anne und ich einfach begonnen, uns zu organisieren. Anne war bereits in Jordanien und ich habe mir überlegt, wie man dieses Engagement sinnvoll unterstützen und ausweiten könnte. Nicht zu helfen, kann ich mir nicht vorstellen.

Wie erleben Sie die Flüchtlingsdebatte in Deutschland? 

Wagner: In Jordanien gibt es ganz andere Standards und deshalb sind wir motiviert, dort zu helfen. Aber auch in Deutschland gibt es viele ehrenamtliche Helfer, die sich täglich engagieren. Ich halte sowohl das Engagement in Deutschland als auch in Jordanien für wichtig.

Wie sieht die Hilfe von jordanischer Seite aus?

Wagner: Wir arbeiten mit jordanischen Medizinstudenten zusammen, und die sind sehr engagiert. Sie haben uns mit in ihr Boot geholt, was ein sehr großer Vorteil ist. Sie können die Sprache und sind ortskundig, sie wissen, wo Hilfe dringend benötigt wird, und organisieren unsere gemeinsamen Einsätze.

Im Januar reisen Sie nach Jordanien, wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken? 

Wagner: Natürlich macht man sich Gedanken über die eigene Sicherheit, da wir sehr nah an der syrischen Grenze arbeiten. Einerseits werde ich in einem Krisengebiet sein – etwas komplett Ungewohntes –, andererseits will ich den Menschen dort unbedingt helfen.

Vor dem Krieg ins Nirgendwo geflohen

Insgesamt sind mehr als acht Millionen Menschen in Syrien auf der Flucht. Vier Millionen Flüchtlinge sind in die Nachbarländer Syriens, Türkei, Irak, Libanon, Ägypten und Jordanien, geflohen. Davon sind 628 000 bei der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen (UN) in den jordanischen Camps offiziell registriert.

Der jordanische Botschafter Mazen Homoud berichtet, dass Jordanien bis zum heutigen Tag bis zu 1,4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Bei jedem fünften Menschen in Jordanien handele es sich um einen Syrer. Mittlerweile gibt es dort drei offizielle von der UN eingerichtete Flüchtlingscamps sowie zehn inoffizielle Siedlungen.

Die Flüchtlinge leben vor allen im Nordwesten des Landes. Eine Schwierigkeit: Jordanien ist das viertärmste Land der Welt in Bezug auf das Trinkwasser. Die hohen Flüchtlingszahlen haben den Wasserverbrauch im ganzen Land um 20 Prozent erhöht, im Norden des Landes sogar um 40 Prozent.

Die studentische Initiative „Al Salam“ berichtet von riesigen Flüchtlingscamps. Mitten im Nirgendwo, verlassen in der Steppe an der Grenze zu Syrien, ist in Jordanien im Juli 2012 ein riesiges Flüchtlingscamp entstanden.

Blick auf das jordanische Flüchtlingslager Zaatari: Nah an der syrischen Landesgrenze leben dort aktuell 120 000 syrische Flüchtlinge. Foto: dpa

Die Menschen wohnen in Zelten, Hütten oder Schiffscontainern. Mittlerweile sei es so groß wie eine Stadt und noch immer fliehen Menschen dorthin. Ursprünglich konzipiert für 25.000 Flüchtlinge, leben dort aktuell 120.000. Sie alle sind vor dem Krieg in Syrien geflohen, in ein Stück Wüste nahe der Stadt Mafraq, fünf Quadratkilometer groß. Zahlreiche Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen sind dort tätig und sorgen für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge.

Schulen wurden gebaut und ein Fußballplatz angelegt. Das deutsche Technische Hilfswerk kümmerte sich mit über 100 Mitarbeitern um die Gemeinschaftsküchen, Abwasser und Toiletten

Ardiana Wagner (22, Foto) studiert im sechsten Semester Medizin an der Universität Witten/Herdecke. Im Sommer diesen Jahres gründete sie zusammen mit Anne Strapatsas (29) die studentische Initiative „Al Salam“ (arabisch für Frieden). Als ausgebildete Krankenschwester ist Strapatsas zur Zeit zum fünften Mal in einem jordanischen Flüchtlingscamp. Dort hilft sie bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.