Fluglärm-Protest vor Roland Kochs Privathaus

Frankfurt/Eschborn. Fluglärm ist Eschbornern nicht fremd, doch am Samstag wird es in der Pfingstbrunnenstraße besonders laut: Vor dem Haus von Roland Koch wollen die beiden Sachsenhäuser Johannes Faupel und Bernd Mey den Kochs vorführen, was sie selbst im Frankfurter Süden seit der Eröffnung der neuen Landebahn erleiden müssen: Lärm von Flugzeugen.

Und zwar von solchen, die in 400 Meter Höhe ihre Häuser und Gärten überfliegen. Die Aktion ist von der Stadt Eschborn (Main-Taunus-Kreis) genehmigt: 20 Minuten darf Faupel Koch beschallen, der als früherer CDU-Ministerpräsident treibende Kraft des Ausbaus war. Man habe mit den Kochs Rücksprache gehalten, so die Sprecherin der Stadt. Sie hätten nichts dagegen - ob sie auch zu Hause sein werden, ist indes nicht bekannt.

Faupel, von Beruf Fachjournalist und PR-Texter ist mit seiner Internet-Seite landewahn.de – in Anlehnung an den „wahnsinnigen Lärm“ – aktiver Fluglärm-Gegner. Er sammelt Material, schreibt Briefe an Verantwortliche, nimmt montags an den Demos im Terminal 1 teil und hat noch immer die Hoffnung, dass der von ihm beklagte Wahnsinn durch Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gestoppt werden kann. Deshalb hat er gestern auch einen Offenen Brief an die Chefetage des Baukonzerns Bilfinger Berger geschrieben mit dem Appell, ihren Aktionären bei der heutigen Hauptversammlung wegen des Terminal-Großauftrages reinen Wein einzuschenken.

Nach Auskunft von Fraport sind die Hochbau-Aufträge allerdings noch gar nicht vergeben, bei vorbereitenden Arbeiten sei die Baufirma nicht im Geschäft. Mit den Bürgerinitiativen, die es im Rhein-Main-Gebiet zuhauf gibt, hat der 46-Jährige nichts am Hut. Als Texter arbeitete er „in extrem schlanken Strukturen“, sagt Faupel unserer Zeitung, für langwierige Diskussionen und viele Meinungen sei da kein Platz. Dass es sich um einen PR-Gag handelt, weist der Frankfurter zurück, er nehme das sehr ernst.

Und Koch soll keineswegs der einzige Promi sein, der Fluglärm sozusagen hautnah ertragen muss. Auch die Häuser von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, von Fraport-Chef Stefan Schulte (Bad Homburg) und Ministerpräsident Volker Bouffier (Gießen) will er beschallen, Anträge seien bereits gestellt. Die Nachbarn der Promis hat er mit Flugblättern über seine Aktion aufgeklärt. Er wolle nicht sie verärgern, sondern die für den Lärm Verantwortlichen. Für Faupel gilt das Verursacherprinzip.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Ist die Aktion gerechtfertigt? Ein Pro und Kontra:

Pro: Privatsphäre für alle (von Petra Wettlaufer-Pohl)

Der Protest gegen den Fluglärm seit der Eröffnung der neuen Landebahn ist vielfältig, bunt und zuweilen auch skurril. Die Menschen lassen sich kein X für ein U mehr vormachen, denn viele in der Region erleben tagtäglich, was der von den Ausbaubefürwortern bejubelte ökonomische Fortschritt für ihr Privatleben bedeutet. Kurze Nächte, laute Tage. Niemand hat sie gefragt, ob sie das wollen - leben unterm Lärmteppich. Und selbst Befürworter sind erstaunt, wie laut es tatsächlich ist. Natürlich haben die Ausbau-Verantwortlichen ein Recht auf Privatsphäre. Aber was ist mit der Privatsphäre der Menschen in der Einflugschneise? Es geht hier nicht um eine Riesendemo, sondern um eine symbolische und doch realistische Aktion. Roland Koch ist offenkundig bereit, das zu ertragen.

Kontra: Grenze überschritten (von Wolfgang Blieffert)

Nein, es gibt Grenzen des Protests. Zwei Fluglärm-Aktivisten sind dabei, sie zu überschreiten. Vor die Privathäuser der für den Frankfurter Flughafen-Ausbau Verantwortlichen zu ziehen, ist der falsche Weg. Die - in der Sache berechtigte - Kritik muss sich woanders artikulieren. Vor dem Landtag etwa, vor der Dienstvilla des Ministerpräsidenten oder der Konzernzentrale der Fraport. Denn die Beschlüsse, die den Fluglärm produzierten, wurden von Funktionsträgern gefällt, nicht von Privatleuten. Das kann man nicht trennen? Das muss man trennen! Wer sauer ist auf den Steuerbescheid, geht zum Finanzamt, nicht zum Finanzminister nach Hause. Wer sich über seine Fußballer ärgert, pfeift sie im Stadion aus, nicht vor den Häusern der Spieler. Privatsphäre ist ein hohes Gut, jeder hat Anspruch darauf. Auch nach Fehlern und Fehlentscheidungen.

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