Eine Ära endet

„Fly-out“ der Phantom F-4F im niedersächsischen Wittmund

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Abschied in blau-gold: Die Phantom F-4F (im Vordergrund) war vier Jahrzehnte lang das Rückgrat der fliegerischen Luftverteidigung in Deutschland. Nun wird sie vom Eurofighter (im Hintergrund) abgelöst.

Wittmund. Die Piloten haben sie geliebt, doch nun heißt es Abschied nehmen: Mit der Ausmusterung der letzten Phantom endet im ostfriesischen Wittmund ein Stück Bundeswehrgeschichte.

Sie wurde dank ihrer dreckig-markanten Abgasfahnen als Luftverteidigungs-Diesel geschmäht, erregte wegen ihres Höllenlärms öfters den Volkszorn, stellte etliche Höhen-, Geschwindigkeits- und Steigflug-Rekorde auf und erwarb sich in Militärkreisen weltweit Kultstatus: Die Phantom F-4F, vom US-Flugzeugbauer McDonnell Douglas Mitte der 1950er-Jahre entwickelt, war 40 Jahre lang das Rückgrat der fliegerischen Luftverteidigung in Deutschland - vor allem während der Zeit des Kalten Krieges. Zuletzt versah das technisch längst veraltete, aber unverwüstliche Arbeitspferd der Bundesluftwaffe nur noch im Jagdgeschwader 71 „Richthofen“ in Ostfriesland seinen Dienst. Jetzt ist endgültig Schluss. Mit dem „Fly-out“ auf dem Nato-Flugplatz Wittmundhafen am nächsten Samstag endet eine Ära. Erwartet werden über 130.000 Flugzeugenthusiasten aus aller Welt, wenn es heißt: „Pharewell (Lebewohl), Phantom!“ Seit 1954 hatte McDonnell Douglas im Auftrag der US-Navy an der Entwicklung eines zweisitzigen und zweistrahligen Langstrecken-Abfangjägers gearbeitet. Am 27. Mai 1958 hob der erste Prototyp zu seinem Jungfernflug ab.

Diverse Vorgängerversionen der schließlich in Deutschland eingesetzten McDonnell Douglas F-4F Phantom II, später schlicht Phantom genannt, wurden in geringen Stückzahlen gebaut und war nur kurz im Einsatz. Dabei war der amerikanische Überschall-Jet zunächst nur als Übergangslösung zwischen dem als „Witwenmacher“ berüchtigten Starfighter und dem modernen Tornado geplant. Doch er bewährte sich nach technischen Weiterentwicklungen in deutsch-amerikanischer Kooperation derart gut, dass die Bundeswehr schließlich 175 Stück davon kaufte. Die US-Airforce rüstete sogar später einige ihrer F-4E nach deutschem Vorbild um. International war die Phantom, die bei 14500 kg Leergewicht eine maximale Geschwindigkeit von 2,3 Mach (2585 km/h) erreicht, an vielen Fronten im Einsatz - vom Vietnam- bis zum Golf-Krieg. Länder wie Spanien, Südkorea, Japan, Australien, Ägypten, Israel, Türkei und Griechenland kauften die Phantom oder bauten sie in Lizenz. Mit 5195 ausgelieferten Exemplaren zählt das Waffensystem zu den weltweit erfolgreichsten Kampfflugzeug-Konstruktionen überhaupt.

Der Flieger weckte Emotionen. „Die F-4 Phantom hat Seele und Charakter. Sie ist ein Flugzeug, das geflogen werden will und nichts „von alleine“ macht“, beschreibt Oberst Gerhard Roubal aus Wittmund den unverwechselbaren Jet. Der Geschwaderkommodore des letzten deutschen Phantom-Verbandes will es sich daher auch nicht nehmen lassen, die 40 Jahre alte, blau-golden lackierte Jubiläumsmaschine am 29. Juni selbst zu fliegen. Kein Wunder, dass die Piloten ihre Begeisterung für den grauen Jet, gern zärtlich „Rhino“ genannt, auch äußerlich zeigten: Das aufgepinselte inoffizielle Phantom-Maskottchen „Spooky“ (für engl.: Geist, Gespenst) zierte etliche Maschinen des Typs.

Regelmäßiges Tiefflugtraining in Nordostkanada, wobei die Jets, so Kommodore Roubal, „in 30 Metern Höhe bei Geschwindigkeiten bis zu 1000 km/h“ über die einsamen Weiten nahe der Goose Bay Air Force Base donnerten, gehörte für die Piloten ebenso zum Alltagsgeschäft wie ständige Einsatzbereitschaft daheim. Die beiden rund um die Uhr startklaren Alarm-Rotten mit je zwei Maschinen aus Wittmund und Neuburg/Donau sicherten den deutschen Luftraum und griffen bei schwerwiegenden Verletzungen desselben ein. Eine Aufgabe, die seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 an Bedeutung noch zunahm - etwa als 2003 ein verwirrter Pilot mit einem entführten Motorsegler über Frankfurts Innenstadt kreiste und drohte, damit in ein Hochhaus zu stürzen. Zwei Phantoms aus dem bayerischen Neuburg waren damals im Einsatz.

Trotz etlicher so genannter Kampfwertsteigerungen durch die Luftwaffe, zuletzt in den 1990er-Jahren, ließen die besonders seit dem Produktionsende 1981 zunehmenden Probleme durch Wartungsaufwand und Ersatzteil-Beschaffung keine Wahl mehr: Mit der stufenweisen Einführung des europäischen Waffensystems Eurofighter ab 2004 kam für die „alte Dame“ Phantom schließlich das Aus. Für die lärmgeplagten Ostfriesen bedeutet das eine Erleichterung. Werden nach Angaben von Oberst Roubal doch die künftig dort stationierten Eurofighter nicht nur weniger Flugstunden (4000 statt 6000) absolvieren, sondern auch deutlich leiser sein und wegen ihres „exzellenten Schub-Gewichtsverhältnisses“ beim Start ohne Nachbrenner auskommen. Aber vorher werden Roubal und seine drei Formations-Kollegen am 29. Juni noch ein letztes Mal die Nachbrenner ihrer General-Electric-Strahltriebwerke mit gewohnt infernalischem Krach zuschalten – und die beiden modernen Eurofighter an ihrer Seite (zumindest akustisch) ganz schön alt aussehen lassen.

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Von Gisela Busch

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