Union und SPD wollen Zwang

Forderung: Nie mehr länger als vier Wochen auf Facharzttermin warten

Geht es nach Politikern von Union und SPD, sollen Fachärzte gezwungen werden können, ihre Patienten höchstens vier Wochen auf einen Termin warten zu lassen. Ärzte halten das für Populismus. Wir haben beiden Seiten dieselben Fragen vorgelegt: dem Gesundheitspolitiker Jens Spahn (CDU) und dem Facharzt Dr. Ingo Niemetz.

Für die Vier-Wochen-Vorgabe: Politiker Jens Spahn (CDU).

Gegen die Vier-Wochen-Vorgabe: Facharzt Dr. Ingo Niemetz.

Sind die Wartezeiten für einen Arzttermin zu lang? Wenn ja, woran könnte das liegen?

Jens Spahn: Die Wartezeiten von mehreren Monaten sind zu Recht für viele Patienten nicht nachvollziehbar. Wer bis zu 400 Euro und mehr im Monat für seine Krankenversicherung zahlt, erwartet auch, dass er zeitnah einen Termin erhält. Nebenbei gesagt schadet es auch den Ärzten, wenn sich der Eindruck festsetzt, Privatpatienten bekämen immer schneller einen Termin.

Dr. Ingo Niemetz: Nein, denn in Deutschland erhalten alle Versicherten bei medizinischen Notfällen umgehend einen Arzttermin. Darüber hinaus haben wir im europäischen Vergleich die kürzesten Wartezeiten auf einen Facharzttermin und dies auch noch ohne Selbstbeteiligung. Gleichzeitig haben wir einen bürokratischen Aufwand, der europaweit führend ist – mehr als 25 Prozent der Versichertenbeiträge entfallen auf die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen. Wir brauchen weniger Formulare für Ärzte und damit mehr Zeit für die Patienten sowie mehr Geld für mehr Ärzte. Die Wartezeiten würden sinken.

Innerhalb von vier Wochen zum Facharzt, können die Ärzte das leisten?

Jens Spahn: Diese Frist von vier Wochen gilt ja nur, wenn der Patient eine Überweisung hat, also wenn bereits durch einen anderen Arzt festgestellt wurde, dass ein Facharzttermin nötig ist. Das sollte in den allermeisten Fällen möglich sein.

Dr. Ingo Niemetz: Die Frage ist, ob die Ärzte dies leisten dürfen. Die Politiker und Krankenkassen, die einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen verlangen, haben im Gesetz eine „ausreichende“ Behandlung vorgeschrieben (also etwas besser als mangelhaft) und gleichzeitig Budgets und Regresse eingeführt, um – so wörtlich – „die Mengenausweitung ärztlicher Leistungen“ zu verhindern. Mehr Termine beim Facharzt zu verlangen, obwohl man genau dieses vorher gesetzlich verhindert hat, ist unseriös.

Gibt es keinen Termin, sollen Patienten ins Krankenhaus gehen können. Inwiefern ist das eine Bestrafung für den Facharzt?

Jens Spahn: Es geht nicht um eine Be- strafung der Fachärzte, sondern um ein Hilfsangebot für Patienten. Wir wollen Anreize setzen, dass die Terminvergabe da, wo möglich, besser organisiert wird. Wenn das nicht möglich ist, kann der Patient sich in einer Klinik behandeln lassen, das geht dann zulasten des Budgets aller Ärzte.

Dr. Ingo Niemetz: Die Krankenhäuser erhalten für ambulante Behandlungen Geld zulasten der niedergelassenen Ärzte, allerdings unbegrenzt ohne Budgetierung. Wenn also Geld für die teurere Behandlung im Krankenhaus zulasten der kostengünstigeren Behandlung beim Facharzt abgezogen wird, werden viele (Kassenarzt-)Praxen verschwinden und die Wartezeit wird eher zunehmen.

Können Krankenhäuser die zusätzlichen Patienten auch versorgen?

Jens Spahn: Ich gehe davon aus, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Terminvergabe in den allermeisten Fällen fristgerecht organisieren wird. Ansonsten werden sicher nicht in allen Fällen, aber doch in vielen Krankenhäuser einspringen können.

Dr. Ingo Niemetz: Nein! Bereits heute sind die Krankenhäuser nicht mehr in der Lage, freie Arztstellen zu besetzen und benötigen hierzu Honorarärzte. Darüber hinaus gilt für ambulante Behandlungen der Facharztstandard, das heißt. die Behandlung muss – genauso wie in der Arztpraxis - von einem langjährig erfahrenen Facharzt durchgeführt werden.

Inwiefern wird die freie Arztwahl beeinflusst, wenn eine Behörde Arzttermine vergibt?

Jens Spahn: Die KV ist keine Behörde, sondern eine Organisation der Ärzteschaft. Zudem kann ja jeder weiterhin zu dem Arzt seiner Wahl gehen. Die zentrale Terminvergabe ist ein Angebot an den Patienten und keine Pflichtveranstaltung.

Dr. Ingo Niemetz: Bisher erhält der Patient einen Termin bei dem Facharzt, bei dem er sich am besten behandelt fühlt. Eine Behörde wird dann Termine nach Liste vergeben, also ohne Rücksicht auf notwendige Qualifikationen oder auch die Entfernung für den Patienten. Zudem wird der Patient dann von unterschiedlichen Ärzten behandelt. Wie soll da Vertrauen entstehen? (mho)

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.