Standpunkt zum Kiezdeutsch: "Hat wohl Bus geknutscht der Abu"

Kassel. "Hat wohl Bus geknutscht der Abu, voll Zahn oder was." Die deutsche Sprache verändert sich unter dem Eindruck anderer Sprachen - umgekehrt funktioniert es aber genauso. Dazu ein Standpunkt von HNA-Nachrichtenredakteur Tibor Pézsa:

"Das sieht aus wie eine Currywurst mit Fritten!“ So pflegt mein Lieblingscurrywurstbudenbetreiber seine Gäste zu begrüßen. Man kann ihm dann antworten: „Nein danke. Ich hätte die Currywurst heute gern ohne Pommes Frites. Aber mein Kollege hätte gern ein Schaschlik.“ Oder man sagt: „Nee, ich bin nur die Wurst. Mein Kollege ist das Schaschlik.“

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Schlimm? Sprachschützer mögen ihre gute Erziehung vergessen und fluchen. Doch zu vermuten ist, dass man im echten Leben mit Schrumpfgrammatik und Kiezdeutsch weiter, lustiger und vor allem schneller zur Sache kommt als mit Sätzen wie von Thomas Mann in seiner berühmten Novelle „Tod in Venedig“: „ So – und vielleicht trug sein erhöhter und erhöhender Standort zu diesem Eindruck bei – hatte seine Haltung etwas herrisch Überschauendes, Kühnes oder selbst Wildes; denn sei es, daß er, geblendet, gegen die untergehende Sonne grimassierte oder daß es sich um eine dauernde physiognomische Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, bis zum Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen hervorbleckten.“

Was will uns Thomas Mann sagen? Auf Kiezdeutsch: Hat wohl Bus geknutscht der Abu, voll Zahn oder was.

Warum sollte Sprache sich nicht verändern? Sie tut es, seit es sie gibt. Und zwar nicht nur das Deutsche unter dem Eindruck anderer Sprachen, auch umgekehrt. Ruhrdeutsch wie „Tu ma den Papa winken“ oder „Meine Schwester ihr Handy“ gilt heute zu Recht als sprachlicher Reichtum, an dem man Spaß hat.

Angeblich über fünf Millionen Wörter kennt die deutsche Sprache. Die Grimms, unsere Instanz fürs Deutsche, kannten 350.000. Um gut durch den Alltag zu kommen, reichen 2000. Natürlich kann man mit mehr Wörtern differenzierter sprechen. Aber das Naserümpfen über sprachliche Entwicklungen verrät mehr über den Wunsch nach Stillstand und Abgrenzung als Einsicht in die Natur der Sprache.

Sprache ist Freiheit, wo Menschen frei sind. Auch Jeans wurden einmal als Arbeiterhosen abgelehnt und Tatoos als Unterschicht-Stigma. Mit dem Kiezdeutsch erleben wir offenbar die Geburt eines neuen Dialekts. Es muss ja nicht der einzige sein, den einer beherrscht. Waaswaschmein? tpa@hna.de

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