Forscher: Mehr Ausdrücke aus Migrantensprachen

Kiezdeutsch breitet sich aus - Sprachforscher: Bald reden wir wohl alle so

Berlin. „Gehst du Bus oder bist du mit Auto?“ Solche Sätze brauchen sich Kabarettisten gar nicht mehr auszudenken. An manchen Schulen sind sie Alltag. Sprachforscher vermuten, dass wir bald alle so reden.

Der neue Sprachtrend bei Jugendlichen klingt gewöhnungsbedürftig. „Ich komm mit Fahrradmahrrad“ oder „Ich bring Colamola“. Das heißt so viel wie: Irgendwie komme ich wahrscheinlich mit dem Fahrrad. Und ich bringe dann auch Cola mit, übersetzt Heike Wiese, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Potsdam.

Das spielerische Wiederholen eines Wortes mit einem „m“ davor habe seinen Ursprung im Türkischen. Für Wiese waren die Jugendlichen in Berlins Migrantenvierteln wie Kreuzberg und Wedding sprachlich damit sehr kreativ.

Die Meinungen über das „Kiezdeutsch“ (Kieze sind einzelne Stadtviertel) gehen aber weit auseinander. „Sprache ist wohl einer der wenigen Bereiche, in dem man noch offen rassistisch sein kann“, sagt Heike Wiese. Ghettosprech oder Türkendeutsch sind noch die netteren Bezeichnungen.

Dabei hat Kiezdeutsch nicht automatisch etwas mit Migration zu tun. Das hat jüngst die Berliner Soziolinguistin Diana Marossek in ihrer Doktorarbeit belegt. Sie war dafür ein Jahr lang in 30 Berliner Schulen zu Gast, als Referendarin getarnt. In allen Berliner Bezirken hörte Marossek zu, wie insgesamt rund 1400 Acht- und Zehntklässler redeten. Sie notierte etwa, wie oft Teenager mit Deutsch als Muttersprache „zum“ oder „beim“ wegließen. Ob im bürgerlichen Zehlendorf oder in den Migrantenvierteln Neuköllns – sie fand keine großen Unterschiede. Überall fielen Sätze wie „Ich war Fußball“.

Nur von türkischen Klassenkameraden hätten diese Teenager ihr Kiezdeutsch nicht abgekupfert, sagt Marossek. Denn auch die Berliner Schnauze liebe das Weglassen von Artikeln und Präpositionen. „Auf Schicht sein“ kennt auch das Ruhrgebiets-Deutsch.

Für Marossek haben sich zwei ähnliche Trends – deutsche Dialektgrammatik und Übernahmen aus der Muttersprache von Migranten – gefunden und verbunden. „Kiezdeutsch verstärkt, was ohnehin schon da war“, sagt auch Forscherin Heike Wiese. Im gesprochenen Deutsch gebe es seit langem den Trend, Artikel und Präpositionen zu verkürzen oder wegzulassen. „Darüber haben sich die Leute schon in den 1930er-Jahren aufgeregt.“

Mit Bildung hat diese Entwicklung nichts zu tun. Haltestellen-Sprache wie „Ich bin jetzt Zoo“ brüllen in der U-Bahn auch Akademiker ungeniert in ihr Handy. Wissenschaftler beobachten aber auch, dass sich in Deutschland das Türkische ebenfalls stark verändert – es übernehme deutsche Ausdrücke und Grammatik-Konstruktionen, berichtet Heike Wiese.

Sie meint, Kiezdeutsch stehe bei vielen Jugendlichen für das Plaudern unter Freunden, manchmal auch für Provokation. Schüler wüssten meist genau, wie ein Satz im Standard-Deutsch laute. Das glaubt Diana Marossek nicht. „Am Gymnasium ja, aber an anderen Schulen war ich mir da nicht immer sicher“, sagt sie. (dpa)

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