Millionen Tiere werden bundesweit geschreddert oder vergast

Fortschritt im Kampf gegen Kükentöten: Erstmals Brüterei angeklagt

Küken in einer Brüterei: Die männlichen Exmeplare werden oft unmittelbar nach dem Schlüpfen getötet. Foto: dpa

Kassel/Göttingen. Ihr Leben währt nur wenige Sekunden. Noch immer werden in vielen Brütereien männliche Küken nach der Geburt vergast oder bei lebendigem Leib geschreddert.

Danach werden sie in den Müll geworfen. Der Grund: Männliche Tiere setzen zu wenig Fleisch an und legen keine Eier. Damit sind sie für die oft rein wirtschaftlich ausgelegten Betriebe nicht rentabel. Diese Praxis wird seit Jahren geduldet, nach Schätzungen von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) werden pro Jahr 45 Millionen Tiere getötet, nach Erhebungen der Tierrechtsorganisation Peta sind es gar 50 Millionen. Das sind fast 137 000 Tiere pro Tag.

Dieses Vorgehen könnte bald eingeschränkt, wenn nicht sogar ganz beendet werden. Denn erstmals gibt es eine Anklage der Staatsanwaltschaft gegen eine Brüterei. Sie richtet sich gegen eine Firma im nordrhein-westfälischen Senden im Münsterland. Nun muss das Landgericht Müntser entscheiden, ob es eine Klage zulässt. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, das Verfahren zur Not bis zum Bundesgerichtshof zu tragen. Es handele sich um ein bundesweites Problem.

Die Peta-Tierrechtler haben bereits vor einem Jahr Strafanzeigen gegen 20 Brütereien in Deutschland gestellt, gegen die nun betroffene bereits im Jahr 2013. Peta nennt die Anklage der Staatsanwaltschaft einen „historischen Durchbruch“. Der Betrieb könne sich wegen der Peta-Anzeige nicht mehr wie bisher auf den so genannten Verbotsirrtum berufen (siehe Hintergrund), der ihn bislang schützte.

Beifall kommt nicht nur von Tierschützern, sondern durchaus auch vom Landwirtschaftsministerium. Minister Schmidt nannte es unerträglich, dass massenweise Küken getötet würden, weil sie das falsche Geschlecht hätten. „Mein Ziel ist es, dass das Kükenschreddern 2017 aufhört“, sagte Schmidt. Die Praxis alternativlos zu verbieten, hält er aber für nicht weitgehend genug. Das würde die Geflügelhaltung lediglich ins Ausland verlagern, wo Regierung und Gesetze aus Deutschland keinen Einfluss hätten.

Deswegen müsse die Forschung erweitert werden. Wissenschaftler arbeiteten bereits an Methoden, nach der noch im Ei das Geschlecht des Kükens bestimmt werden könne. Männliche Küken würden dann nicht ausgebrütet. Doch auch ein solches Vorgehen ist ethisch zumindest umstritten. Eine Alternative ist das so genannte Zweinutzungshuhn, das nicht nur der Eier-, sondern auch der Fleischproduktion dienen könne.

Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin fordert bereits seit Jahren ein Ende der Tötung der männlichen Küken. Mindestens zwölf Millionen Tiere sind hier pro Jahr betroffen. Auch der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) ist Gegner der Praktiken der Massentierhaltung und Kritiker der Agrarindustrie. Niedersachsen hat mit über 1800 die meisten Geflügelbetriebe in Deutschland.

Hintergrund: Tötungen rechtlich fragwürdig

Das sofortige Töten von männlichen Küken läuft in einer rechtlichen Grauzone ab. In Paragraf eins des Tierschutzgesetzes steht: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen.“ Die Grundsatzfrage, die weitgehend unbeantwortet bleibt, ist dabei, was unter einem „vernünftigen Grund“ zu verstehen ist.

De facto dulden Behörden und Bundeslandwirtschaftsministerium das Töten der Küken mit dem sogenannten Verbotsirrtum. Das hat zur Folge, dass Brütereien bislang ohne Strafe davonkamen.

Der Verbotsirrtum ist in Paragraf 17 des Strafgesetzbuches geregelt. Dort heißt es: „Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte.“ Diese Begründung im Fall des massenweisen Tötens von Küken wird von Tierschützern kritisiert.

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