Vom Kreml und Gazprom gelenkt? Umweltverbände wollen von Rasmussen Beweise oder Entschuldigung

Fracking-Gegner empört über Nato-Chef

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Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Foto: dpa

Berlin. Deutsche Umweltverbände wollen von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen (61) Beweise - oder eine Entschuldigung. Der Däne hatte vergangene Woche Gegner der umstrittenen Gasfördertechnik Fracking als Marionetten Moskaus in Verdacht gebracht: „Ich habe Verbündete getroffen, die berichten können, dass sich Russland als Teil seiner ausgeklügelten Informations- und Desinformationstätigkeiten aktiv mit sogenannten Nichtregierungsorganisation engagiert -also Umweltschutzorganisationen, die gegen Schiefergasförderung vorgehen“, zitierte der Spiegel aus einer Rasmussen-Rede in London.

45 Umweltverbände aus zehn Staaten Europas, darunter die BI Lebenswertes Korbach und Frackingfreies Hessen, sehen sich zu Unrecht als „Spione von Gazprom“ und heimliche Helfer des Kreml diffamiert. Sogar die EU-Kommission habe in Studien auf Risiken des Fracking verwiesen. Ob der Nato-Chef glaube, dass auch sie Moskaus Werkzeug sei, um russische Gasverkäufe zu sichern, so der Brief.

Morgen im Kabinett?

Bundesenergieminister Sigmar Gabriel (SPD) möchte Gesetze, die Schiefergas-Fracking in Deutschland - unter Auflagen - möglich machen, noch vor der Sommerpause auf den Weg bringen. Schon morgen, heißt es aus Kreisen von Umweltschützern, könnte sich das Kabinett im Windschatten der WM-Begeisterung damit befassen. Während Barbara Hendricks, Gabriels Kollegin aus dem Umweltressort, beim Fracking eher bremst, kommt die Schützenhilfe des Nato-Chefs aus einer ganz unerwarteten Ecke.

Anhänger der Anti-Fracking-Front, die sich zu Unrecht als Fünfte Kolonne Moskaus madig gemacht sehen, schwanken zwischen Spott und Empörung. Querbeet lehnten Menschen in Europa Fracking ab, kritisiert der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU): „Um die öffentliche Meinung doch noch zu kippen, muss jetzt anscheinend als letztes Mittel der Nato-Generalsekretär eine Diffamierungskampagne starten und Fracking-Gegner indirekt zu Saboteuren der Energiesicherheit erklären.“

Greenpeace nennt Rasmussens Äußerung absurd: „30 Greenpeace-Mitarbeiter saßen vergangenes Jahr in einem russischen Gefängnis und sahen sich einer möglichen Haftstrafe von 15 Jahren ausgesetzt.“ Die Idee, dass Greenpeace-Aktivisten Marionetten Putins seien, sei lächerlich. Rasmussen solle sich an Fakten halten, statt Verschwörungstheorien zu spinnen.

Das nordatlantische Bündnis distanzierte sich unterdessen vorsichtig von seinem Chef: Rasmussen, der sein Nato-Amt am 1. Oktober abgibt, habe eine persönliche Position geäußert, hieß es.

Stichwort:

Kampfbegriff "Fünfte Kolonne"

• Der Begriff Fünfte Kolonne stammt aus dem spanischen Bürgerkrieg 1936: Vier Kolonnen wollte Militärputsch-General Emilio Mola gegen die Republik führen, die fünfte sollten Anhänger des Franco-Regimes in Madrid stellen.

• Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fünfte Kolonne Moskaus zum Synonym für willige Helfer des Ostblocks - tatsächliche oder aus ideologischen Gründen bezichtigte.

• CSU-Chef Franz Josef Strauß zu SPD-Politiker Herbert Wehner im März 1955: „Sie sind die Fünfte Kolonne Moskaus!“

• Heiner Geißler nannte als CDU-Generalsekretär in der 80er-Jahre-Debatte um US-Mittelstreckenraketen in Europa die SPD „Fünfte Kolonne der anderen Seite“, also: des Ostblocks.

• Auch unter Fünfte-Kolonne-Verdacht: Friedensbewegung, die Linke.

• Die ZDF-Serie „Fünfte Kolonne“ drehte sich in den 1960ern um Spione des Ostblocks.

• Der Züricher Tagesanzeiger nannte nach einem Treffen russischer Nationalisten mit westeuropäischen Rechten letztere „Putins Fünfte Kolonne“ - ihr Ziel sei , die EU zu zerschlagen. (wrk)

Von Wolfgang Riek

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