Fragen und Antworten: Der Traum vom unabhängigen Kurdistan

Sie leben im Irak, Iran, in Syrien und in der Türkei. Der Kampf gegen die Islamisten der IS-Miliz stärkt ihren Wunsch nach einem eigenen unabhängigen Staat: die Kurden.

Wo leben die Kurden im Irak? 

Die kurdischen Autonomiegebiete liegen im Nordirak und umfassen die Provinzen Dohuk, Sulaimanija und Erbil. In der 2005 in Kraft getretenen irakischen Verfassung werden die kurdischen Gebiete grundsätzlich anerkannt. Hauptstadt ist Erbil. Die Autonomiegebiete haben eine eigene Regierung mit Präsident Massud Barsani. Von den rund 32,6 Millionen Einwohnern des Iraks sind rund sechs Millionen Kurden, ihre Sprache ist neben dem Arabischen eine der offiziellen Sprachen des Landes.

Nach Angaben der Regierung der Autonomiegebiete ist die an Syrien, den Iran und die Türkei grenzende Region ungefähr 40 600 Quadratkilometer groß. Rund 36 Prozent der Bevölkerung ist demnach bis 14 Jahre alt.

Wie ist die Machtverteilung im Irak? 

Durch den Vormarsch der IS-Terrormiliz ist das Machtvakuum im Irak deutlich geworden. Bis dahin war seit 2005 versucht worden, durch eine konfessions- und ethnisch gebundene Ämtervergabe politische Stabilität zu erzielen: Die Sunniten stellen den Parlamentspräsidenten, die Kurden den Staatspräsidenten, die Schiiten den Regierungschef. Soweit die Theorie.

Die politische Praxis zeigte, dass sich infolge der schiitischen Dominanz in der Regierung vor allem die Sunniten unterdrückt fühlten. Im Schatten dieses Konflikts konnten sich die Kurden innerhalb ihrer Autonomie weitgehend entwickeln. Ihre Erfolge, etwa in den Bereichen Handel, Ansiedlung von Unternehmen sowie Bildung, drohen durch den Vormarsch der sunnitischen Dschihadisten der IS zunichte gemacht zu werden.

Können sich die Kurden selbst verteidigen? 

Wahrscheinlich nicht auf Dauer. Die Kurden im Irak haben zwar ihre eigene Armee, die Peschmerga-Kämpfer (Peschmerga = die dem Tod ins Auge sehen). Die Truppe soll aus rund 150 000 Soldaten bestehen. Das Kommando hat eigentlich die Autonomieregierung in Erbil. Aber große Teile der Kämpfer unterstehen den rivalisierenden kurdischen Parteien KDP und PUK. Eine einheitliche Befehlsstruktur fehlt deshalb. Auch die Waffen sind laut US-Militärexperten veraltet. Peschmerga-Kämpfer halfen der Zentralregierung in Bagdad, die IS-Miliz von der irakischen Hauptstadt fernzuhalten. Den Kurden im Nordirak kamen unter anderem Kurden aus der Türkei und aus Syrien zu Hilfe.

Welche Rolle spielen die Kurden in der Türkei? 

Kurdische Bestrebungen zunächst nach mehr Anerkennung einer eigenen Identität und letztlich nach einer Abspaltung führen seit Jahrzehnten zu einem gewaltsamen Konflikt mit der Regierung in Ankara. Seit 1984 kämpft die verbotene Arbeiterpartei PKK für einen Kurdenstaat. Sie gilt auch im Westen als terroristische Vereinigung. Inzwischen läuft ein Annäherungsprozess zwischen dem türkischen Staatschef Erdogan und der PKK. Offiziell gilt ein Waffenstillstand.

Wird es durch die Verwerfungen im Irak einen eigenen Staat Kurdistan geben? 

Das ist schwer vorhersagbar, aber nicht ausgeschlossen. Den Traum der Kurden vom eigenen Staat gibt es mindestens seit fast hundert Jahren, als das Osmanische Reich zerfiel. In der Folge gestanden Völkerbund sowie Siegermächte des Ersten Weltkriegs 1923 der Türkei zu, ein eigener Staat zu sein. Die Kurden, denen eine damals zunächst in Aussicht gestellte Autonomie wieder verwehrt wurde, wurden auf die Staaten Türkei, Irak, Syrien und Iran verteilt. In der Türkei leben heute etwa 15 Millionen Kurden.

Sollte der Irak im Zuge des sunnitisch-schiitischen Glaubenskrieges tatsächlich zerfallen, wird ein kurdisches Staatsgebilde seinen Schwerpunkt im Nordirak haben. Auch die Kurden in Syrien haben sich im Verlauf des dortigen Bürgerkrieges eigene Regionen entlang der Grenze zur Türkei sichern können. Deren Zukunft ist ebenso ungewiss. Die Regierungen in der Türkei und im Iran haben keinerlei Interesse an Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden, sie befürchten Gebietsverluste und anhaltende Konflikte.

Welche Interessen hat der Westen? 

Der Nordirak ist eine ölreiche Region. Auch deshalb ist der Westen auf lange Sicht an stabilen Verhältnissen interessiert. Ein Zerfall des Irak entlang der konfessionellen und ethnischen Linien soll vermieden werden. Die Befürchtung ist, dass sich entstehende sunnitische, schiitische und kurdische Staaten Kriege um Ressourcen liefern, die Jahrzehnte lang dauern könnten.

Welche Rolle spielen die Ölvorkommen im Nordirak? 

Die großen Ölreserven des Irak liegen vor allem unter kurdischem und von Schiiten beherrschtem Gebiet. Würde der Irak zerfallen, wären die Sunniten von den Einnahmen aus dem Ölgeschäft abgeschnitten: Das wäre ein Kriegsgrund.

Von Jörg S. Carl

Rubriklistenbild: © dpa

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