Auch zu seinem 100. Geburtstag bleibt das Urteil über den 1988 verstorbenen Politiker gespalten

Franz Josef Strauß: Die bayerische Urgewalt

Als Redner ein unberechenbarer Vulkan: Franz Josef Strauß (6. September 1915 - 3. Oktober 1988). Fotos: dpa

Er starb wie anno 1347 Ludwig der Bayer, erster Wittelsbacher mit der Kaiserkrone – bei der Jagd. Und wahrhaft monarchistische Züge hatte auch der Trauerzug für den verstorbenen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß am 7. Oktober 1988 in München:

Über 100.000 Bürger säumten den Weg des Trauerzuges zwischen Odeonsplatz und Siegestor mit dem Sarg auf einer sechsspännigen Lafette. Jenseits der Grenzen des Freistaates erschauderten Menschen vor dem Fernseher ob der befremdlichen Inszenierung.

Aber so war das mit den Bayern und FJS. Wer ihn nicht liebte, verabscheute den Machtmenschen, der polarisierte wie kaum ein anderer Politiker der Nachkriegszeit. Zu seinem 100. Geburtstag an diesem Sonntag wird die Erinnerung lebendig: An seine Ansprachen etwa, die wie Donnerhall wirkten, während er sich, den gedrungenen Körper auf den Fersen wippend, an den eigenen polemischen Sprachbildern ergötzte, sich in Rage redete, sodass der Schädel zu platzen schien.

Das Urteil über diese selbstbewusste bayerische Urgewalt bleibt gespalten: Da sind die Strauß-Getreuen, zuvorderst in der CSU, die den konservativen Poltergeist bis heute verehren; seine Kinder mit ihrer irritierenden Weichzeichnung des Vaters; aber auch die jetzt aufgetauchten Tagebucheintragungen seiner 1984 tödlich verunglückten Frau Marianne, in denen sie den angeblichen Familienmenschen als oft unerträglichen, trinkenden Wochenend-Heimfahrer schilderte.

Und da sind seine Kritiker, die nicht müde werden, all die Skandale rund um Strauß zu referieren; seine verbalen Ausfälle, seine Nähe zu Diktatoren in Chile, zu Rassisten in Südafrika. Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft – die Liste der Vorwürfe ist lang.

Nüchtern betrachtet, hat Strauß für Bayern viel getan. Der Förderer der Luft- und Raumfahrt hat den Agrarstaat auch zum Industrieland gemacht und damit Bayerns Wohlstand begründet. Nur, dass manche Unternehmen sich eben auch um den persönlichen Reichtum von FJS kümmerten, wie sein Biograph Peter Siebenmorgen jetzt belegte. Zum Vorbild taugte Strauß kaum.

Intelligenz haben selbst Feinde dem langjährigen CSU-Vorsitzenden nicht abgesprochen. Der Metzgersohn aus München war enorm belesen. Ein Pfarrer hatte erreicht, dass der kleine Max aufs Gymnasium durfte, Ursprung einer glanzvollen humanistischen Schulbildung. Nur dass der Begabte später „ganz unbegabt war, mit der Macht maßzuhalten“, wie Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Strauß-Nachruf 1988 schrieb. Augstein und Vize-Chefredakteur Conrad Ahlers waren 1962 wegen einer kritischen Titelgeschichte über die Bundeswehr als des Landesverrats Verdächtige auf Betreiben von Strauß im Gefängnis gelandet.

Letztlich war die ganz große Karriere des aufstrebenden Politikers, seit 1956 Verteidigungsminister und glühender Verfechter der Wiederbewaffung Deutschlands auch mit Atomwaffen, damit schon beendet. Denn nach allem hatte er auch noch den Bundestag belogen, als es um die Rolle von Bundeskanzler Konrad Adenauer in der „Spiegel-Affäre“ ging. Sein vom Koalitionspartner FDP erzwungener Rücktritt war auch ein Sieg der Pressefreiheit, der die junge Demokratie festigen half.

Strauß, der seinem Intimfeind Helmut Kohl später attestierte, für das Kanzleramt wegen charakterlicher Schwächen ungeeignet zu sein, war offensichtlich blind für die eigenen. Sein Versuch, 1980 zur Kanzlerschaft zu greifen, misslang. „Stoppt Strauß“ hatte eine um die Freiheit fürchtende Initiative auf Plakate geschrieben, die bundesweit ein Renner wurden. Strauß blieb, was er seit 1978 war: bayerischer Ministerpräsident, dessen Ambitionen, dennoch Weltpolitik zu betreiben, zunehmend Häme erfuhr.

Trotz seines vielgerühmten analytischen Verstandes hatte Strauß’ Verhalten zuweilen Freund wie Feind irritiert: Der vollmundige Kreuther Beschluss der CSU zur Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag 1976 hatte sich als kurzes Gebrüll des bayerischen Löwen entpuppt. Und der von dem glühenden Antikommunisten Strauß 1983 mit dem DDR-Devisenhändler Alexander Schalck-Golodkowski eingefädelte Milliardenkredit hatte zwar Reiseerleichterungen zur Folge; aber auch die Gründung der rechtsextremen Partei „Die Republikaner“ durch enttäuschte Unionsanhänger.

Strauß starb mit nur 73 Jahren: „Er war vom Herrgott nicht geschaffen, ein Greis zu werden“, sagt Wilfried Schranagel, langjähriger Chefredakteur der CSU-Parteizeitung Bayernkurier, zweifelsohne ein Verehrer.

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