Deutschland nur im Mittelfeld

Wiebke Knell (FDP) zum Thema Frauen in der Politik: „Ohne Quote ist es schwerer“

Wiebke Knell FDP
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Wiebke Knell (38), FDP-Abgeordnete im hessischen Landtag.

Politik ist in weiten Teilen Europas immer noch Männersache. Nur jeder dritte Entscheidungsträger in Europa ist eine Frau, hat eine EU-Studie ergeben. 

In Deutschland geht der Anteil sogar zurück. Das liegt an den Strukturen, aber zum Teil auch an den Frauen selbst, sagt die Abgeordnete Wiebke Knell (38, FDP), Mutter eines Kleinkindes. 

Warum engagieren sich nicht mehr Frauen in der Politik? Mit welchen Hindernissen haben zum Beispiel Mütter dort zu kämpfen? Wie sie ihr Leben als Mutter eines Kleinkindes mit ihrem Beruf als Politikerin vereinbart, erläutert die hessische Landtagsabgeordnete Wiebke Knell (38, FDP) im Interview mit unserer Zeitung.

Frau Knell, Sie sind im November 2017 als Nachrückerin in den hessischen Landtag eingezogen, da war ihre Tochter ein halbes Jahr alt. Als Mutter im Landtag – was war für Sie am Anfang die größte Herausforderung?

Ich fand es am schwierigsten, wenn ich zwei, drei Tage am Stück von zu Hause weg sein musste. Wenn man bis 22 Uhr tagt und morgens um neun Uhr wieder im Landtag sein will, ist es bei der Entfernung von Neukirchen nach Wiesbaden nicht möglich, heimzufahren. Gerade bei so einem ganz kleinen Kind verpasst man einige Schritte, wenn man drei, vier Tage am Stück weg ist. Ich war nicht dabei, als meine Tochter krabbeln gelernt oder die ersten Schritte gemacht hat. Das tut als Mutter weh.

Wer war stattdessen dabei?

Mein Mann. Er hatte sieben Monate Elternzeit genommen, als ich in den Landtag nachgerückt bin. Jetzt ist er wieder in Vollzeit berufstätig. Meine Eltern helfen uns, wir wohnen bei ihnen im Haus. Anders wäre das gar nicht zu managen.

War etwas leichter oder ganz anders als Sie vorher dachten?

Ich habe vorher nicht so darüber nachgedacht. Man ist abhängig von anderen, damit alles funktioniert, und es funktioniert auch nur so lange, wie das Kind gesund ist. Aber so geht es ja allen berufstätigen Müttern, dass man viel organisieren muss. Das Besondere bei mir ist vielleicht, dass ich oft abends weg bin oder am Wochenende.

Was zum Beispiel müssen Sie organisieren?

Ich spreche jede Woche meine Termine sowohl mit meinem Mann als auch mit meinen Eltern ab, sage, wann ich wo bin und wir stimmen ab, wann wer das Kind zur Krippe bringt oder abholt, wer abends zuhause ist und so weiter.

Was machen Sie, wenn das Kind krank wird?

Dann schauen wir, wer die wichtigeren Termine hat, und dann muss einer der Elternteile zuhause bleiben.

Im vergangenen Jahr gingen Fotos der Abgeordneten Madeleine Henfling im Thüringer Landtag in Erfurt durch die Presse, die mit einem Säugling im Tragetuch zur Sitzung erschienen war. Was haben Sie gedacht, als Sie die Fotos gesehen haben?

Ich finde es schockierend, dass das nicht normal sein kann. Alle wollen mehr Frauen in der Politik, aber dann muss man auch ermöglichen, dass es junge Mütter in der Politik gibt. So lange das Kind im Parlament nicht stört, sollte man es mitnehmen können. In anderen Ländern geht das auch, da gibt es sogar Elternzeit für Abgeordnete. Ich verstehe nicht, warum wir uns da das Leben so schwer machen.

Wo könnten die Hindernisse liegen?

Solange die Politiker zumeist männlich und auch älter sind, ist es schwer, mit so einem Thema durchzudringen, weil die Männer daran gewöhnt sind, dass ihre Frauen zuhause sind und sich um die Kinder kümmern.

Die FDP hat – anders als Grüne, Linke, SPD – keine Quote für ihre Ämter. Welche Hürden in der Politik sehen Sie für Frauen, die für Männer nicht da sind?

Das hat schon damit zu tun, dass das Managen der Familie meist noch die Aufgabe der Frau ist. Manche Hürden sind aber auch bei den Frauen selbst zu sehen. Man wird nicht sofort Bundes- oder Landtagsabgeordnete, der Weg dorthin ist lang. Das größere Problem ist, dass wir in der Kommunalpolitik nicht genügend Frauen finden, die sich engagieren wollen.

CSU-Vorsitzender Markus Söder ist kürzlich in seiner Partei mit dem Versuch gescheitert, eine Frauenquote auf Kreisebene einzuführen. Eine junge Frau hielt ihm beim Parteitag am Mikrofon wütend entgegen, fähige Frauen würden sich auch ohne Quote durchsetzen. Sie haben es ja ohne Quote geschafft – wie beurteilen Sie diese Aussage?

Ich bin da zwiegespalten. Wir haben uns in der Partei Ziele für den Frauenanteil gesetzt. Wir können uns die Frauen aber nicht backen. Ich selbst hätte vor zehn Jahren auch gesagt, dass sich gute Frauen schon durchsetzen, auf der anderen Seite sieht man aber, dass Frauen es in den Parteien ohne Quote schwerer haben. Von daher bin ich dafür, dass Frauen mehr gefördert werden. Ein Zwanzig-Prozent-Anteil auf einer Liste reicht da sicher nicht aus.

Studie zum Frauenanteil in der europäischen Politik zeigt große Unterschiede

In vielen Staaten Europas besetzen Männer die politischen Führungspositionen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die der Rat der Gemeinden und Regionen Europas (CEMR) in Brüssel vorgestellt hat.

In einer Untersuchung aller Ebenen vom Gemeinderat bis zum Europäischen Parlament wurden die Frauenanteile in 41 Staaten erhoben. Fazit: Lediglich ein Drittel der europäischen Entscheidungsträger sind weiblich. Das ist zwar ein Plus gegenüber dem Stand vor zehn Jahren, aber nur um vier Prozent.

In türkischen Kommunalvertretungen sitzen 10,7 Prozent Frauen, während es in Island 47,2 Prozent sind und 29 Prozent in Deutschland. Das Bild setzt sich in den Regionalversammlungen fort: 13,9 Prozent dieser Parlamentarier in der Slowakei sind weiblich, 49 Prozent in Frankreich, wo es feste Quoten gibt. Im Bundestag stellen Frauen 30,5 Prozent der Abgeordneten, allerdings waren es 2008 schon 32 Prozent. 

Die Studie stellt fest, dass eine verbindliche Quote dort, wo sie eingeführt wurde, für eine Verbesserung der Gleichstellung gesorgt hat. "Quoten sind entscheidend, aber kein Allheilmittel", sagt Emil Broberg vom Ausschuss für Gleichstellung im Rat. "Parteien, alle Regierungsebenen und die Zivilgesellschaft müssen energische Maßnahmen ergreifen." DD

Zur Person: Wiebke Knell

Wiebke Knell (38) ist seit Herbst 2017 für die FDP im hessischen Landtag in Wiesbaden. Geboren in Schwalmstadt, studierte sie Politikwissenschaft, Jura und Geschichte in Gießen, dem französischen Brest und Mainz. Knell trat mit 16 in die Jungen Liberalen ein, zwei Jahre später in die FDP. Seit 2004 ist sie Vize-Vorsitzende der FDP Schwalm-Eder, seit 2015 im Präsidium der FDP Hessen. Sie gehört der Stadtverordnetenversammlung Neukirchen und dem Kreistag an. Sie lebt mit Mann und Tochter in Neukirchen.

Der Fall Madeleine Henfling

Die Abgeordnete Madeleine Henfling (Grüne) steht mit ihrem neugeborenen Baby im Thüringer Landtag.

Die Thüringer Grünen-Abgeordnete Madeleine Henfling (36) erschien im August 2018 mit ihrem damals acht Wochen alten Sohn im Tragetuch zur Sitzung im Landtag in Erfurt. Sie wurde von Landtagspräsident Christian Carius (CDU) des Saals verwiesen, weil die Geschäftsordnung Mütter mit Kindern im Plenarsaal nicht vorsehe. 

Nachdem er dafür heftig kritisiert worden war, ließ Carius die Abgeordnete ab Ende September 2018 mit Kind an den Sitzungen teilnehmen. Die Grünen-Fraktion hatte in der Zwischenzeit das Thüringer Verfassungsgericht angerufen, um die Streitfrage grundsätzlich klären zu lassen. Ein Urteil wird für das Jahr 2020 erwartet. Eine Elternzeit wie bei Angestellten gibt es für Abgeordnete nicht. Henfling ist Mutter von drei Kindern.

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