Missbrauchsverfahren: Trotz Freispruch oft zerstörtes Leben

Was ist passiert? Anatomische Puppen sollen Kindern helfen, das Vorgefallene zu schildern. Foto: dpa

Wenn es um Verdachtsfälle von Kinderpornografie oder Missbrauch geht, sind Wachsamkeit und Ermittlungen wichtig. Fehler in Missbrauchsverfahren können aber katastrophale Folgen haben.

Fast 15 000 Kinder sind in Deutschland 2012 sexuell missbraucht worden – und das sind nur die Fälle, die bekannt wurden. Wie viele Kinder unbemerkt leiden, weiß wohl niemand.

Wie Kinderpornografie muss auch ihre üble Schwester, der Missbrauch, verfolgt werden. Wachsamkeit und Ermittlungen tun not, niemandem gedient wäre jedoch mit Hysterie und Vorverurteilungen. Wie leicht beides entstehen kann, zeigen Prozesse gegen angebliche Kinderschänder in den 90er-Jahren. Sie hinterließen Beschuldigte, deren Leben trotz Freispruchs zerstört war, traumatisierte Kinder und kaputte Familien. Mainz: In drei Strafprozessen von 1993 bis 1997 standen 25 Menschen aus Worms und Umgebung vor Gericht. Sie sollten 16 eigene und fremde Kinder missbraucht und einen Pornoring aufgezogen haben. Auslöser war ein Scheidungskrieg, in dem eine Frau ihrem Ex-Mann den Missbrauch der gemeinsamen Kinder vorwarf. Beratungsstellen schalteten sich ein, befragten die Kinder. Der Mammutprozess wurde zum Fiasko für die Justiz: Anschuldigungen erwiesen sich als unhaltbar, Aussagen als widersprüchlich, Glaubwürdigkeitsgutachten ergaben, dass Kindern Aussagen suggeriert worden waren. Am Ende wurden alle Angeklagten freigesprochen. Doch viele standen vor einer zerstörten Existenz. Die Kinder kehrten erst nach und nach aus den Heimen in die Familien zurück. Münster: Zweieinhalb Jahre dauerte der Prozess gegen den Erzieher in einem Montessori-Kindergarten, der mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen endete. Die Vorwürfe gegen ihn basierten allein auf der Aussage der Kinder.

In der Folge befragten die Eltern immer wieder ihre Kinder, tauschten sich aus. Die Anschuldigungen wuchsen. Schließlich war von Quälereien und Vergewaltigungen die Rede. „Eltern sind auf Spurensuche gegangen und haben Fingerabdrücke verwischt“, zitierte der Focus aus dem Gutachten des Psychologen Günter Köhnken. „Die Wahrheit haben wir nicht herausgefunden“, wird der Richter zitiert.

In den Ermittlungen gegen sexuellen Missbrauch hängt viel von den Aussagen der Kinder ab. Doch je unsensibler der Erstkontakt ist, desto schwieriger werde es später, den wahren Sachverhalt aufzuklären, sagt Christian Zainhofer, Vizepräsident des Deutschen Kinderschutzbundes und selbst Strafverteidiger. Auch dauerten die Verfahren zu lange, müssten Kinder oft wiederholt aussagen.

Komme ein Missbrauchsverdacht auf, müssten Fachleute als erstes versuchen, die Situation zu klären. „Man geht heute teilweise behutsamer vor“, sagt Zainhofer. In einem Punkt haben es Richter heute vielleicht etwas leichter: Die Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Aussagen seien deutlich besser geworden.

Von Barbara Will

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