Wie Deutschlands bekanntestes Aufnahmelager die Situation erlebt

1200 Einwohner, 4000 Flüchtlinge - Friedland geht die Puste aus

Der Fußweg an der St.-Norbert-Kirche vorbei durch den Glockenturm hindurch zum Speisesaal ist zur Mittagszeit belebt wie eine Fußgängerzone.

Wenn sich ein Ort in Deutschland mit Flüchtlingen auskennt, dann ist das Friedland im Kreis Göttingen. Seit 70 Jahren beherbergt das Dorf ein Grenzdurchgangslager, durch das der Name "Friedland" weltbekannt ist. Wie geht dieser Ort mit der momentanen Flüchtlingssituation um, die andere Gemeinden an ihre Grenzen bringt?

Er hat sie alle gesehen, die Kriegsheimkehrer, die Polen-Aussiedler und die Boatpeople aus Vietnam. Wenn er aus seinem Haus tritt und nach rechts blickt, schaut der 84-Jährige direkt auf den Haupteingang des Grenzdurchgangslagers in Friedland (Kreis Göttingen). Seit 1952 wohnt er dort, aber so laut wie jetzt war es selten. „Also, mir tun die nichts“, schickt der mehrfache Großvater, der seinen Namen nicht nennen möchte, vorweg. Aber laut sei es schon, bis in die Nacht. Anders als früher seien jetzt viele Nationalitäten im Lager. „Das sind alles junge Männer“, sagt der Anwohner. „Die haben Langeweile.“ Die Polizei fahre öfter Streife als sonst. Kyrillisch am Pfarrhaus

Seit 70 Jahren beherbergt das 1200-Einwohner-Dorf Friedland an der heutigen Grenze von Niedersachsen, Hessen und Thüringen ein Aufnahmelager für Flüchtlinge. Wie kein anderer Ort in Deutschland kennt sich Friedland mit Neuankömmlingen aus, die kein Wort Deutsch verstehen und im Laden neugierig die Lebensmittel betasten. In der katholischen St.- Norbert-Kirche ist der Gebetbuchständer auf Polnisch beschriftet, am Pfarrhaus steht der Name des Pastors auch in kyrillischen Buchstaben. Im Dorfimbiss mahnt ein Schild auf Deutsch, Russisch und Arabisch, man möge keine mitgebrachten Speisen verzehren. Selbst Friedland aber bringt an seine Grenzen, was im Moment geschieht.

Über die Grenze hinaus

Essensausgabe: Das Foto oben zeigt Kriegsheimkehrer beim Essen im Lager Friedland. Im Hintergrund erkennbar die als „Nissenhütten“ bezeichneten damaligen Unterkünfte.

1200 Einwohner, 4000 Flüchtlinge: „Es sind einfach zu viele“, ist ein Satz, der wiederholt zu hören ist. Namentlich zitiert werden möchte keiner damit – außer einem, und das ist der Bürgermeister. „Wir gehen behutsam mit dem Thema um, weil wir wissen, dass bestimmte Vokabeln der Einrichtung nicht guttun“, sagt Andreas Friedrichs (SPD). Der 52-Jährige ist seit 14 Jahren im Amt. „Wir in Friedland wissen wirklich, was Integration ist, und die Friedländer wissen, dass die Einrichtung viel Gutes getan hat“, sagt Friedrichs.

„Wir sind seit Monaten über die Grenze hinaus belastet – und zwar das gesamte Umfeld des Lagers, die Mitarbeiter und die Asylbewerber selbst.“

Dann holt er Luft und schmettert los: „Wir sind seit Monaten über die Grenze hinaus belastet – und zwar das gesamte Umfeld des Lagers, die Mitarbeiter und die Asylbewerber selbst. Wir fordern dringend, Kapazitäten in anderen Lagern zu schaffen!“   Matratzen auf dem Gang

Für 700 Asylbewerber ist das Erstaufnahmelager geplant. Inzwischen türmen sich Containerunterkünfte am Rand des Geländes, die Flüchtlinge sind in Schulen und umliegenden Sporthallen untergebracht. Auf den Gängen in den flachen, lang gestreckten Baracken liegen Matratzen, über die Mitarbeiter steigen, wenn sie morgens zum Dienst kommen. Zur Mittagszeit ist der Fußweg an der Kirche vorbei zum Speisesaal belebt wie eine Fußgängerzone. Auf der Straße am Lager, die Heimkehrerstraße heißt, spazieren Flüchtlinge in Zweier-, Dreier- und Vierergruppen in kurzen Abständen zum Supermarkt.

Vor wenigen Tagen hat das Land Niedersachsen beschlossen, 300 Flüchtlinge in ein Hotel in Goslar-Hahnenklee auszuquartieren. „Das ist ein erster Schritt“, findet Bürgermeister Friedrichs. „Wir brauchen ein Signal, dass etwas getan wird. Wir brauchen jetzt Lösungen.“ Leere Birnbäume

Der Bürgermeister: Andreas Friedrichs.

Im Imbiss berichtet eine Frau vom Bobbycar ihres Enkels, der im Vorgarten stand und den plötzlich ein kleines Flüchtlingskind im Arm hatte. „Man kann es ja irgendwie verstehen“, sagt sie zaghaft, „aber sollen wir jetzt alles hinters Haus räumen?“. Auch im Supermarkt gibt es arabische Schilder; sie erklären, dass man sich an der Kasse hinten anstellen soll. Natürlich gebe es Diebstähle und Schäden, sagt eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, aber: Im Verhältnis zur derzeit extrem hohen Zahl an Flüchtlingen halte es sich in Grenzen. Vor Jahren, als eine Gruppe Georgier negativ auffiel, sei der Schaden genau so hoch gewesen wie jetzt, „und die Georgier waren nur 30, 40“. Friedländer bleiben dem Laden zu Stoßzeiten schon mal fern – zu voll.

Geärgert hat man sich, als der Bürgermeister beim Besuch des Bundesinnenministers erklärte, wenn mal eine Birne vom Baum verschwinde, dann betrachte man das in Friedland als Spende. „Spenden sind immer noch freiwillig“, sagt die Frau neben der Kasse. „Und die Birnbäume im Dorf sind leer gepflückt.“

Das Grenzdurchgangslager Friedland

Das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen wurde seit dem 20. September 1945 auf Weisung der damaligen britischen Militärverwaltung errichtet. Es sollte helfen, die Flüchtlingsströme aus dem Osten aufzufangen und zu kanalisieren. Damals wurden die ersten Ankömmlinge in beschlagnahmten Viehställen untergebracht. Auf einem Rübenacker in der Nähe des Bahnhofes ließen die Briten dann aber bald Zelte und Wellblechbaracken aufbauen. An dieser Stelle befindet sich das Lager noch heute.

Seit 1945 wurden in Friedland weit mehr als viereinhalb Millionen Menschen aufgenommen. Dem Ort brachte dies den Beinamen "Tor zur Freiheit" ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vorwiegend Flüchtlinge und Vertriebene an, später vor allem deutschstämmige Aussiedler. Heute ist Friedland neben Bramsche, Braunschweig und Osnabrück eines von derzeit vier Erstaufnahmelagern für Flüchtlinge. Das Lager Friedland hat eine Kapazität von 700 Betten. Mithilfe von Zelten, Mietcontainern und Hotels sind derzeit dort rund 4000 Flüchtlinge untergebracht.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.