Pfarrer Christian Führer 71-jährig gestorben

Friedliche Revolution eingeläutet

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Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche: Christian Führer. Foto: dpa

Leipzig. Der Leipziger Pfarrer Christian Führer ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Er war der Begründer der Montagsdemonstrationen und 1989 an der friedlichen Revolution in der DDR beteiligt.

Heute vor einer Woche sollte er mit anderen den Deutschen Nationalpreis entgegennehmen, eine Auszeichnung, die Menschen würdigt, deren revolutionärer Mut und deren Gewaltverzicht den Einsturz des DDR-Regimes und den Fall der Mauer bewirkt hatten. Zur Preisverleihung musste Christian Führer seine Tochter nach Berlin schicken, der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche war von einer vor zwei Jahren entdeckten Lungenfibrose, einer schleichenden Erkrankung des Lungengewebes, schon zu sehr geschwächt: Am Montag ist der 71-Jährige im Uniklinikum seiner Heimatstadt gestorben.

Führer war einer der wichtigsten Akteure der friedlichen Revolution im Herbst 1989. Als Pfarrer öffnete der Mann mit der abgetragenen Jeansweste die Nikolaikirche für Friedensgebete und Gesprächskreise. Seine Kirche war einer der Ausgangspunkte der immer stärker werdenden Montagsdemonstrationen. Am 9. Oktober 1989 gingen rund 70 000 Menschen – so viele wie nie zuvor – friedlich auf die Straße und forderten eine demokratische Erneuerung. Mit Rufen wie „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ stellten sich die Demonstranten den Sicherheitskräften entgegen. Die DDR war am Ende.

Wenn Führer sich später daran erinnerte, scheute er nicht vor dem großen Begriff des „Wunders“ zurück. Er selbst habe Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen gehabt, aber die Macht der Gewaltlosigkeit habe letztlich gesiegt. Aus Interviews mit ihm sprach immer ein tiefes Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit, dass der Umbruch in der DDR so friedlich vonstatten ging.

Zugleich warb er stets auch um Verständnis für die Ostdeutschen und deren Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung, wandte sich aber auch gegen eine Mentalität des Jammerns. Nach der Wende zog sich Führer nicht in die Geborgenheit der Kirche zurück, sondern mischte sich weiter ein, engagierte sich unter anderem für Arbeitslose, und äußerte sich wiederholt kritisch über das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik.

Im Jahr 2008 ging Führer in den Ruhestand. 2013 traf ihn und die vier Kinder ein harter Schlag, als seine Frau einer Krebserkrankung erlag.

Von Wolfgang Blieffert

Ein Blick zurück

Vor vier Jahren veröffentlichten wir ein Interview mit Christian Führer:

Das Thema Am Sonntag ist es 20 Jahre her, dass die Deutschen die Wiedervereinigung feierten, ein Jahr nach der friedlichen Revolution in der DDR. Einer ihrer Anführer war Christian Führer, damals Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen damals und seine Einschätzung heute.

Von Elisa Schubert

Herr Führer, die Wiedervereinigung ist nun 20 Jahre her. Wie nah sind Ihnen die ausschlaggebenden Ereignisse an der Nikolaikirche noch?

Christian Führer: Wenn je etwas das Wort Wunder verdient hat, dann das. Die Macht der Gewaltlosigkeit, die die DDR-Diktatur zum Einsturz brachte, war unglaublich. Die vielen Tausend Menschen, die Kerzen in den Händen hatten. Zwei Hände braucht man, damit das Licht nicht erlischt. Da kannst du nicht noch einen Stein oder Knüppel in der Hand halten. Es gab keine zerstörte Schaufensterscheibe. Keine Sieger und Besiegten. Keiner verlor das Gesicht. Keiner büßte sein Leben ein. Da hielt man den Atem an.

Trotz dieser überwältigenden Euphorie kehrte bald Ernüchterung ein. Was hat Sie an der Einheit rückblickend enttäuscht?

Führer: Generell muss man sagen, diese Einheit Deutschlands ist so ein wunderbares einmaliges Geschehen in der deutschen Geschichte, das lassen wir uns von niemandem kleinreden. Die Vorteile überwiegen bei Weitem, seitdem diese furchterregende Grenze weg ist und die Menschen wieder zueinander können. Und doch: Tief greifende Änderungen im Wirtschaftssystem sind nötig. Die Banken- und Finanzkrise zeigt, dass dieses Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig ist, ja, dass sich der Kapitalismus gewissermaßen selbst entlarvt.

Wie meinen Sie das konkret?

Führer: Wir leben in einer Zeit, wo Banken und Kaufhäuser die neuen Tempel der Religion sind und alles vom Geld abhängig ist. Wir leben unter den Bedingungen des Wohlstandes. Da ist die Entwicklung einer solidarischen Ökonomie besonders schwer. In der der Mensch wieder an erster Stelle steht. Teil zwei der friedlichen Revolution steht uns noch bevor. Naiv, weltfremd? Das haben wir vor dem Oktober 1989 auch schon gehört.

Die Grundlage bleiben die Menschen. Wie weit haben sich Ost- und Westdeutsche denn mental schon angenähert?

Führer: Bei den jungen Leuten haben sich die Unterschiede zum Glück weitestgehend erledigt. In den Köpfen der älteren Menschen ist Ost und West aber noch verankert. Das Leben und die Erziehung waren zu verschieden. Das geht nicht spurlos an den Leuten und deren Mentalität vorüber. Wer DDR-Bürger war, hat in einem Staat gelebt, der 40 Jahre lang das ganze Volk entmündigt hat. Das prägt. Hinzu kommt, dass viele ältere Bürger der ehemaligen DDR Kritik an dem Unrechtsstaat als einen Angriff auf ihre eigene Biografie empfinden. Sie trennen nicht. Verletzung spielt eine große Rolle. Daher gibt es viele Missverständnisse, wo man geduldig sein und erklären muss. Ich muss oft sehr vorsichtig entmythologisieren.

Was sagen Sie Menschen, die die Vergangenheit verklären und sich vieles zurückwünschen?

Führer: Es war immer schon falsch zu sagen, früher war alles besser. Mit Ostalgie und Westalgie ist kein Staat zu machen. Gegen Verklärung und Erblasten antworte ich mit Biermann, der sagte: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Wir sollten uns aus dem steten Jammerton lösen.

Ähnliches gaben Sie den Menschen schon damals in den 80ern an der Nikolaikirche mit auf den Weg. Sie brachten die Menschen zum Lächeln. Ist Humor der Retter in der Not?

Führer: Wenn Sie Tag und Nacht Angst haben - und ich hatte Angst - befreit das unglaublich, wenn Sie mal lächeln können. Ich zitierte einmal Psalm 65. Da heißt es „Gott, du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen“. Alle begannen zu lachen. Alle redeten miteinander. Wer ausgelassen lacht, der ordnet sich nicht unter. Humor ist ein Stück Freiheit. Auch heute ist Lachen wichtig. Wir haben einem großen Naziaufmarsch zum Beispiel mal einen Karneval an der Nikolaikirche mit ganz viel Spaß, Tröten und Trillerpfeifen entgegengesetzt. Wer fröhlich ist, macht sich nicht klein.

Wie sehr begleitet Sie die Thematik Ost-West nach wie vor in Ihrem Alltag? 

Führer: Ich werde angesprochen bei vielen meiner Vorträge und Buchlesungen. Es gibt viele Zuschriften und Anrufe. Es ist ein permanenter Prozess. Ich werde um Kirchenführungen gebeten, mache Projektarbeiten in Schulen. Es ist wichtig, dass die jungen Leute sich interessieren, an den Ort der Geschehnisse kommen und mit Zeitzeugen sprechen. Solange ich die Kräfte habe und das machen kann, ist mir das eine Verpflichtung.

Zur Person

Christian Führer wurde in Leipzig geboren, studierte dort Theologie und wurde 1980 Pfarrer der evangelischen Nikolaikirche. Seit 1982 fanden hier jede Woche Friedensgebete statt, aus denen die Montagsdemonstrationen und damit die friedliche Revolution erwuchsen. Nach 1989 setzte sich Christian Führer besonders für Arbeitslose ein, initiierte zahlreiche Mahnwachen und friedliche Demonstrationen.

Seit März 2008 war er im Ruhestand. 2009 erschien sein Buch „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam.“ (Ullstein).

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