Ab Donnerstag im Kino

Film über Auschwitz-Prozess: Hessischer Staatsanwalt war treibende Kraft

Frankfurt. Am Donnerstag, 6. November startet der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ in den Kinos. Er erzählt anhand der Arbeit eines jungen Staatsanwalts, wie es 1963 zum Auschwitz-Prozess in Frankfurt kam. Treibende Kraft war Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

Ohne ihn hätte es die Frankfurter Auschwitz-Prozesse so wohl nicht gegeben: Fritz Bauer, 1903 in eine jüdische Familie in Stuttgart geboren, nach Studium und Promotion 1930 zum jüngsten Amtsrichter Deutschlands ernannt, 1933 von den Nazis aus dem Amt vertrieben, zeitweilig im KZ und 1936 nach Skandinavien emigriert. Er hat den Deutschen nach seiner Rückkehr schon bald vor Augen geführt, was sie schnell allzu gern verdrängt hatten: die unfassbaren Verbrechen der Nazis, beispielhaft verbunden mit dem Namen des Konzentrationslagers Auschwitz.

Denn der Sozialdemokrat Bauer glaubte nicht, dass ein Neubeginn möglich sein würde, ohne diese Verbrechen zu sühnen. Schon als Generalstaatsanwalt in Braunschweig sorgte er 1952 für Aufsehen, als er in einem Prozess die Rehabilitierung der Attentäter des 20. Juli 1944 erreichte. Und der Prozess gegen den Organisator der Judenvernichtung, Adolf Eichmann, in Israel wäre nicht möglich gewesen ohne Bauers Hinweis auf Eichmanns Aufenthaltsort in Argentinien.

Recht, nicht Rache 

1956 war Bauer als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt gekommen, wo er alles daran- setzte, die Gräueltaten von Auschwitz vor Gericht zu bringen. Ihm ging es nicht um Rache, sondern um Recht.

Zu Hilfe kam ihm dabei der Frankfurter Journalist Thomas Gnielka. Er lieferte Bauer und den jungen Staatsanwälten, die mit ihm ermittelten, wichtige Beweise, die ein Häftling hatte sichern können.

Bauer wurde für seine Arbeit angefeindet und verachtet. Auch in der Justiz, denn viele derer, die dort in Amt und Würden waren, hatten auch unter Hitler zu Gericht gesessen. Doch Bauer blieb unerbittlich: Es gehe nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft des Landes. Es zeige, dass es die Menschenwürde achte, so sein Credo.

Der Ausgang des Prozesses mit 22 Angeklagten vom Lageradjudanten - der Kommandant war verstorben - bis zum Häftlingskapo blieb unbefriedigend. Denn es gelang nicht bei allen, die individuelle Schuld zu beweisen.

Aber die Berichterstattung über den Prozess und die erschütternden Zeugenaussagen begründeten seine Bedeutung: Nicht wissen zu wollen, welches Grauen in Auschwitz geschah, war fortan unmöglich. Dank eines riesigen auch internationalen Presseechos wurde der Öffentlichkeit in authentischen Bildern vor Augen geführt, wie das System in den Vernichtungslagern funktionierte.

Wendepunkt des Erinnerns 

Historiker sprechen von einem „Wendepunkt der Erinnerung“. Micha Brumlik, einige Jahre Leiter des 1995 gegründeten Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, meint, dieser Prozess sei „der Erinnerungsort der Bundesrepublik“.

Bauer, der sich auch als Strafrechtsreformer einen Namen machte, starb 1968 in Frankfurt.

• In dem am 6. November anlaufenden Film „Im Labyrinth des Schweigens“ von Giulio Ricciarelli wird Fritz Bauer von dem im Juli verstorbenen Theaterschauspieler Gert Voss dargestellt. Die Hauptrolle des Staatsanwalts Johann Radmann spielt Alexander Fehling. 

Interview: Gerhard Wiese klagte 1963 Auschwitz-Täter an: "Jeder ein Rad im Getriebe"

Herr Wiese, was wussten Sie als junger Staatsanwalt über Auschwitz, bevor Sie damit befasst waren? 

Zur Person

Gerhard Wiese (86), gebürtiger Berliner, war als junger Staatsanwalt einer der Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Der ehemalige Oberstaatsanwalt lebt mit seiner Frau nach wie vor in Frankfurt, hält Vorträge über den Prozess und ist Gasthörer an der Goethe-Uni. Wiese hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Gerhard Wiese: Herzlich wenig. Man kannte natürlich die Namen Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Dachau, aber was dort im Einzelnen geschehen war, war mir nicht so klar.

Wie haben Sie verkraftet, was Sie dann erfuhren?

Wiese:  Es war am Anfang schockierend. Aber, und das bestätigen auch Psychologen, es stellt sich eine gewisse Routine ein, wenn man jeden Tag mit Mord und Totschlag befasst ist. Es ist ein Selbstschutz des Körpers, um die Dinge nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen.

Erkennen Sie sich in der Rolle des jungen Staatsanwalts Radmann im „Labyrinth des Schweigens“ wieder? 

Wiese:  Nur begrenzt. Es ist ein Spielfilm und keine Dokumentation. Bei uns lief vieles sehr sachlich ab, ein Film braucht natürlich auch Emotionen.

Haben Sie damals Widerstände in der Justiz gespürt? 

Wiese: Nicht direkt. Manche Kollegen fragten, ob wirklich alles so lange dauern müsse. Viele Menschen damals hatten gedacht, die Alliierten hätten uns mit ihren Kriegsverbrecherprozessen die Arbeit abgenommen. Dass ganz viele Täter noch unbehelligt herumliefen, wurde erst später klar und führte zur Bildung der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

Im Frankfurter Prozess wurden nicht alle Angeklagten verurteilt. 

Wiese:  Leider nicht, bei manchen fehlten dem Gericht Beweise. Wir dagegen meinten, dass Auschwitz eine Vernichtungsmaschinerie war, in der jeder ein Rad im Getriebe war und deshalb mindestens wegen Beihilfe hätte verurteilt werden müssen. Diese Auffassung vertrat auch das Gericht, das den NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk 2011 wegen Beihilfe zum Mord verurteilte. Deswegen werden jetzt weitere Verfahren gegen SS-Leute wieder aufgenommen. Allerdings sind etliche wahrscheinlich altersbedingt kaum noch verhandlungsfähig.

War der Auschwitzprozess der wichtigste für Sie? 

Wiese:  Auf jeden Fall. Und jetzt hat er mich quasi zum letzten Zeitzeugen gemacht. Alle anderen Beteiligten sind verstorben.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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