Führt Gott in Versuchung? Eine uralte Diskussion, neu belebt

Als Papst 2013 zurückgetreten: Benedikt XVI . (90). Foto: dpa

Theologen arbeiten sich seit 2000 Jahren an der Frage ab, wer in Versuchung führt: Gott oder Satan? Joseph Ratzinger erklärte das Problem.

Wie kann es sein, dass Gott den Menschen in Versuchung führt? Tut dies nicht der Widersacher Gottes, also Satan? Diese theologischen Fragen sind so alt wie die Bibel selbst. Darauf weist kein Geringerer als Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., hin. Er widmet dem Vaterunser im ersten seiner drei Bände über Jesus von Nazareth ein ganzes Kapitel.

Mit Blick auf die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ erinnert Ratzinger daran, dass schon das Matthäus-Evangelium darüber berichtet, wie Jesus selbst „vom Geist in die Wüste geführt wurde, um vom Teufel versucht zu werden.“ Jesus, so Ratzinger, besteht die großen Versuchungen, welche die Menschheit von Gott weggeführt haben und immer wieder wegführen. Er müsse diese Versuchungen durchleiden bis zum Tod am Kreuz.

Der Blick auf die weltberühmte alttestamentarische Erzählung von Hiob führt zu weiterer Klärung. Darin verhöhnt Satan den Menschen, um so letztlich dessen Schöpfer, Gott, zu verhöhnen. Alles, was an Hiob, der ein vorbildlich gottgefälliges und erfolgreiches Leben führe, sei doch nur Fassade. In Wirklichkeit gehe es Hiob doch nur um sich selbst.

So gewährt Gott Satan letztlich die Freiheit, Hiob mit Rückschlägen, Verlusten, Einbußen und körperlichen Qualen auf die Probe zu stellen. Wenn ihm nur alles genommen werde, behauptet Satan, dann werde Hiob schnell auch seine Treue zu Gott fallen lassen. Gott lässt sich auf die Wette ein. Aber er erlaubt Satan nur, den Menschen zu prüfen. Er darf ihn letztlich nicht auslöschen. Erst als Hiob eingesehen hat, dass er die Liebe Gottes nicht erhandeln oder gar erzwingen kann, dass sein Vertrauen in Gott grenzenlos sein muss, endet sein Leid - „und Hiob starb alt und lebenssatt“.

Laut Ratzinger muss im Beten des „führe uns nicht in Versuchung“ die „Bereitschaft enthalten sein, die Last an Prüfung auf uns zu nehmen, die uns zugemessen ist. Andererseits ist es eben die Bitte darum, dass Gott uns nicht mehr zumisst, als wir zu tragen vermögen; dass er uns nicht aus den Händen lässt.“

In der Glaubenslehre (Katechismus) der katholischen Kirche wird „Und führe uns nicht in Versuchung“ so erklärt: „Wir bitten Gott Vater, uns nicht allein und in der Gewalt der Versuchung zu lassen. Wir bitten den Geist, dass wir unterscheiden lernen zwischen der Prüfung, die im Guten wachsen lässt, und der Versuchung, die in die Sünde und in den Tod führt, sowie auch zwischen Versuchtwerden und der Versuchung zustimmen. “

• Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth, 3 Bände, Herder, 29,99 Euro.

Wie und weshalb Franziskus die Übersetzung des Vaterunsers kritisiert, haben wir in einem separaten Artikel zusammengefasst. Einen Kommentar zum Vaterunser lesen Sie hier.

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