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„Gründlich lahmgelegt“ – Putin treibt Russland in den Abgrund

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Von: Jens Kiffmeier

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Blackout und kalte Wohnungen: Deutschland zittert in der Gaskrise vor dem Winter. Doch Putins Exportstopp schadet Russland mehr. Das zeigt eine neue Studie.

Moskau/Berlin – Stillstand der Inlandsproduktion, Flucht von 1000 ausländischen Investoren und Verlust von fünf Millionen Arbeitsplätzen: Die Sanktionen der Europäischen Union (EU) gegen Russland im Ukraine-Krieg wirken. Die Strafmaßnahmen gegen den Kreml hätten die „russischen Wirtschaft auf allen Ebenen gründlich lahmgelegt“, heißt es in einer Studie der Yale-School of Management. Die von Präsident Wladimir Putin heraufbeschworene Gaskrise schade dabei Russland viel mehr als Europa – und zwar dauerhaft. Denn andere Abnehmer hätten den Kremlchef jetzt vollständig in der Hand.

Gaskrise in Deutschland: Sanktionen gegen Russland wirken – Europa sitzt laut Yale-Studie am längeren Hebel

In Deutschland und Europa stieß der Yale-Report auf großes Interesse. Denn seit Wochen tobt wegen des Ukraine-Konflikts ein Wirtschaftskrieg zwischen Ost und West. Als Reaktion auf die scharfen Sanktionen der EU ließ Russlands Präsident Wladimir Putin zuletzt den Export von Erdgas nach Europa um 20 Prozent drosseln. In Europa, das bei seiner Energieversorgung zu 40 Prozent von Russland abhängig ist, geht nun die Angst vor Strom-Blackouts, Wirtschaftseinbußen und kalten Wohnungen im Winter herum. Erst am Montag hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Unionsbürgerinnen und Unionsbürger vor „schlimmen Konsequenzen“ gewarnt, berichtet die kreiszeitung.de.

Sitzt in der Gaskrise am kürzeren Hebel: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Sitzt in der Gaskrise am kürzeren Hebel: Russlands Präsident Wladimir Putin. ©  Patrick Pleul/Mikhail Klimentyev/dpa

Doch offenbar sitzt die Politik des Westens am längeren Hebel. „Russland hängt viel stärker von Europa ab als Europa von Russland“, schreiben die Autoren der neuen Studie. Für die 118 Seite starke Analyse werteten die Experten die Daten von Unternehmen, Banken und Handelspartner russischer Firmen aus. Zuletzt war viel darüber spekuliert worden, ob die russische Wirtschaft nicht trotz der Sanktionen weitaus besser dastehe als gedacht. Doch der Yale-Report räumt mit dieser Ansicht auf.

Sanktionen gegen Russland: Putin spürt die Wirkung – doch was bedeutet das für die Gaskrise in Deutschland?

Die bislang weiterhin erzielten Milliardeneinnahmen aus dem Öl- und Erdgasexport können den Angaben zufolge die Ausfälle nicht kompensieren. Neben den Umsatz- und Investitionseinbrüchen verzeichne Russland einen Rückgang in den Einzelhandel- und Konsumausgaben von bis zu 20 Prozent. Zwar versucht Russland das Embargo und den Boykott, der als schärfste Waffe der EU im Kampf gegen Putin gilt, über befreundete Staaten zu umgehen. Doch die Industrieproduktion sei fast vollständig am Ende. Als drastisches Beispiel führt die Studie die Autoindustrie an: Wegen fehlender Ersatzteile sei der Verkauf von Pkws von monatlich 100.000 auf 27.000 gesunken. Auch Panzer müssen schon mit Ersatzteilen von Küchengeräten repariert werden.

Der Wegfall der herkömmlichen Industrie macht Russland jetzt noch abhängiger von den Einnahmen aus dem Öl- und Erdgasgeschäft. Nachdem in den vergangenen Jahren die Exportgewinne mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen ausgemacht hatten, dürfte der Anteil jetzt noch höher geworden sein, schreiben die Yale-Experten. Eine dauerhafte Gaskrise könne sich Putin, über dessen Gesundheitszustand weiterhin heftig spekuliert wird, deswegen gar nicht leisten. Denn bislang seien 83 Prozent der russischen Ausfuhren nach Europa gegangen.

Wegen der gestörten Lieferketten hatte der Kreml zuletzt neue Geschäftspartner in Asien, Afrika und Südamerika gesucht – und teilweise auch gefunden. Jedoch scheint dies auf lange Sicht keinen gleichwertigen Ausgleich zu schaffen. Denn Abnehmer wie Indien oder China handeln wegen Russlands Notsituation massive Preisnachlässe aus. Und auf die Schnelle können auch keine adäquaten Gas- und Ölmengen nach Osten exportiert werden, weil bislang die Pipeline-Infrastruktur dafür nicht ausgebaut ist, wie Russland-Experte Michael Rochlitz kürzlich im Interview mit kreiszeitung.de zu bedenken gab und Russland eine Rolle als Chinas Juniorpartner bescheinigte.

Gaskrise in Deutschland: Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will die Unabhängigkeit von Russland

Vor diesem Hintergrund braucht die EU vor allem eines: einen längeren Atem als Putin. Doch ob die Menschen in dem Wirtschaftskrieg mitziehen, bleibt abzuwarten. Vor allem Deutschland ist als große europäische Industrienation enorm abhängig von russischem Gas. Derzeit versucht Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mit allen Mitteln die Energieversorgung zu sichern, über neue Lieferverträge, über Export von Flüssiggas und auch die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken ist nicht mehr sakrosankt.

Doch ob die Deutschen am Ende mitziehen, wenn im Winter die Wohnung dann doch kalt ist? Die Studie aus Yale liefert zumindest eine Motivationshilfe. Denn Putin hat in dem Gaspoker das schlechtere Blatt in der Hand. Das steht jetzt fest.

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