Rede des Bundespräsidenten

Gauck: „Lassen Sie aus Kontroverse keine Feindschaft entstehen“

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Einheitsfeier in der Alten Oper in Frankfurt: Bundespräsident Joachim Gauck sprach zur Feier von 25 Jahren wiedervereinigtem Deutschland.

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Integration der Flüchtlinge als noch größere Herausforderung als die deutsche Wiedervereinigung vor 25 Jahren bezeichnet. Wir dokumentieren seine Rede beim zentralen Festakt in Frankfurt in Auszügen.

Der Tag der Deutschen Einheit. Das ist für unser Land seit 25 Jahren ein Datum der starken Erinnerungen, ein Anlass für dankbaren Rückblick auf mutige Menschen. Auf Menschen, deren Freiheitswille Diktaturen ins Wanken brachte, (...) die mit der Friedlichen Revolution die Vereinigung beider deutscher Staaten überhaupt erst vorstellbar werden ließen.

Am 3. Oktober denken viele von uns an den Klang der Freiheitsglocke, an die Freudentränen nicht nur vor dem Reichstag, an die Aufbruchsstimmung, ja: an großes Glück. Aber in diesem Jahr ist etwas anders. (...) Hat die Bundesrepublik momentan nicht drängendere Themen als dieses Jubiläum?

Meine Antwort darauf lautet: Es gibt etwas zu feiern. Die Einheit ist aus der Friedlichen Revolution erwachsen. (...) Die Friedliche Revolution zeigt: Wir Deutschen können Freiheit.

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Die vollständige Rede des Bundespräsidenten

Die innere Einheit Deutschlands konnte vor allem wachsen, weil wir uns als zusammengehörig empfanden und weil wir in Respekt vor denselben politischen Werten gemeinsam leben wollten. Doch nun, wo viele Flüchtlinge angesichts von Kriegen, von autoritären Regimen und zerfallenden Staaten nach Europa und besonders nach Deutschland getrieben werden, nun stellt sich die Aufgabe der inneren Einheit neu. (...)

Diese Entwicklung hat vor 25 Jahren niemand ahnen können. Damals, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und dem Ende des Ost-West-Konflikts, sahen wir sehr optimistisch in die Zukunft. (...) Die Überlegenheit der Demokratie schien schlagend bewiesen, ihr weltweiter Siegeszug nur noch eine Frage der Zeit. (...)

Die Hoffnung auf eine solche Veränderung weltweit ist jedoch zerstoben. Statt weiterer Siege von Freiheit und Demokratie erleben wir vielerorts das Vordringen autoritärer Regime und islamistischer Fundamentalisten. (...)

Aber was heißt es nun, die innere Einheit wiederum und neu zu erringen, wenn sich die Zusammensetzung von Bevölkerungen in kurzer Zeit erheblich verändert? (...)

Noch führt der Druck die europäischen Staaten nicht zusammen. Allerdings zeigen die jüngsten Entscheidungen der Europäischen Union, dass die Einsicht wächst: Es kann keine Lösung in der Flüchtlingsfrage geben - es sei denn, sie ist europäisch. (...)

Wir befinden uns aktuell in einem großen Verständigungsprozess über das Ziel und das Ausmaß der neuen Integrationsaufgabe. (...) Aber meine dringende Bitte an alle, die mitdebattieren, ist: Lassen Sie aus Kontroversen keine Feindschaft entstehen. Jeder soll merken, wir debattieren, weil es uns um Zusammenhalt geht (...).

Unsere Werte stehen nicht zur Disposition! Sie sind es, die uns verbinden und verbinden sollen, hier in unserem Land.

Für eben diese Werte und für diese Gesellschaftsordnung steht die Bundesrepublik. Dafür wollen wir auch unter den Neuankömmlingen werben - nicht selbstgefällig, aber selbstbewusst, weil wir überzeugt sind: Dieses Verständnis, kodifiziert im Grundgesetz, ist und bleibt die beste Voraussetzung für das Leben, nach dem gerade auch Menschen auf der Flucht streben.

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