Kein Widerspruch zu regenerativen Energien

Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew im Interview: "Erdgas könnte Lücke schließen"

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Alexander Iwanowitsch Medwedew

Kassel. 2009 setzte das amerikanische Magazin Time ihn auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt: Alexander Medwedew. Er ist der Vizechef des russischen Gazprom-Konzerns, zu dem künftig auch die Kasseler Wingas gehört. Wir sprachen mit ihm über Gas, die Ukraine und den Sport.

Rein statistisch bin ich bislang 2,5 Mal pro Jahr in Kassel gewesen. Überwiegend zu Beiratssitzungen unseres Gemeinschaftsunternehmens Wingas,“ überschlägt Alexander Medwedew (58), Vizechef des weltweit größten russischen Erdgaskonzerns Gazprom, seine Besuche. Im Dezember gab die Europäische Union grünes Licht, damit Gazprom die Kasseler Wingas komplett übernehmen darf. Zuvor gehörte sie zu gleichen Teilen Wintershall und Gazprom. Damit dürften Medwedews Besuche in Kassel künftig zunehmen.

Eine Plauderei über Sport liegt ihm – gerade dann, wenn er als Chef der russischen Eishockey-Liga erklären soll, warum ein Weltkonzern wie gazprom die Kassel Huskies nicht sponsert: „Sie spielen leider nicht in der höchsten deutschen Liga.“ Daran ändert selbst das Spiel gegen die Huskies Allstars 2009 nichts. Damals stand Medwedew selbst auf dem Eis. „Wir verbinden oft das Geschäftliche mit dem Sportiven – das ist Hockey-Diplomatie“, sagt er und lässt die Lachfalten spielen.

Und im Ernst: Was plant der weltgrößte Gaskonzern mit der Kasseler Wingas? „Wir wollen nicht nur Gas nach Europa exportieren, wir wollen auf dem Markt präsent sein, um unseren Anteil am Geschäft auszubauen“, sagt er und kneift die Augen zusammen, um dem Ganzen noch mehr Entschlossenheit zu geben. Bereits heute hat Gazprom bis zum Jahr 2035 Take-or-Pay-Verträge (nimm oder zahle) mit einem Volumen von 4,1 Billionen Kubikmetern unter Dach und Fach.

Am Spotmarkt selbst – dem Börsenhandel für Gas – ist Gazprom dagegen nicht interessiert. Wäre der Konzern auf Gewinnmaximierung aus, müsste er mitmischen. Das hätte zur Folge, dass die Nachfrage, aber auch die Preise anziehen würden. Wer aber derart viele langfristige Verträge wie Gazprom hat, kann daran kein Interesse haben: „Bisweilen sind die Spotmarktpreise höher als diejenigen in unseren langfristigen Verträgen.“ Hinter Medwedews jovialen Auftreten ist seine professionelle Abgeklärtheit stets spürbar.

Wingas habe das nötige Wissen, um Märkte zu erschließen, Gazprom das Wissen im Fördergeschäft. Das Geschäft soll nun ausgebaut werden. Auch weil bekannt ist, dass in Europa in den kommenden Jahren die Gasproduktion sinken wird. „Wir wissen, dass bis 2025 bei einer konservativen Wirtschaftsentwicklung zusätzlich 120 Milliarden Kubikmeter benötigt werden“, zitiert der Geschäftsmann Medwedew Experten. „Wir können so viel Gas an die Europäer liefern, wie sie benötigen.“ Das dürfte auch Zweifler verstummen lassen.

Wäre da nicht die politisch gewollte Energiewende in Deutschland. Unverständlich ist für Medwedew, warum Gas in diese Pläne nicht einbezogen wird. Gas sei der beste Partner für die regenerativen Energien. Es könnte die Lücken bei der Versorgung mit Wind- und Sonnenenergie schließen. Doch statt auf Gas zu setzen, werde in Deutschland billige Kohle aus den USA gekauft, das treibe seit drei Jahren den CO2-Ausstoß nach oben. „Vielleicht haben die Stimmen der Klimaschützer gerade bezahlten Urlaub“, frotzelt er.

Wie sich der Gaspreis für den Endverbraucher entwickeln wird, vermag er nicht zu sagen: „Der Preis bildet sich im Markt.“ Und: „Der deutsche Staat erzielt über Steuern und Abgaben höhere Erlöse aus dem Gasverbrauch seiner Landsleute als der russische Staat aus dem Gas-Export.“

Schmallippig bei Politikthemen

Doch warum sind die Gaspreise für die Ukraine jüngst so abgesackt?

Dafür hat Alexander Medwedew eine Erklärung: 2009, beim Abschluss des Liefervertrages, lagen die Preise in etwa gleich auf mit denen für Deutschland. Das Land kam aber in den vergangenen Jahren an den Rand eines Staatsbankrotts, da bestand für Gazprom „das Risiko, dass wir überhaupt keine Erlöse aus dem Gas erzielen konnten“.

Da die russische Flotte vor der ukrainischen Küste im Schwarzen Meer liege, werden Gebühren verrechnet. Würde ein Exportaufschlag fällig, wären die Preise so hoch wie für andere EU-Länder.

Dass es zwischen der EU und der Ukraine bereits einen unterschriftsreifen Assoziierungsvertrag gab, dazu sagt Medwedew nichts. Er habe aber nur gehört, dass der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch von der EU mehr erwartet hatte: „Ich bin kein Politiker und weiß nicht, wie die Verhandlungen gelaufen sind.“ Antworten auf politische Fragen muss sich Medwedew sichtlich abringen.

Warum halten sich Gerüchte, Gazprom beschäftige KGB-Mitarbeite und habe mafiöse Strukturen? „Tolle Idee für einen Hollywood-Film“, winkt Medwedew ab. Nur das sei richtig: „Gazprom beschäftigt wie andere europäische Unternehmen auch ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter als Sicherheitsexperten, um Anlagen im Energiebereich vor möglichen Terroranschlägen zu schützen.“ Dann scherzt er noch: „George Bush hat beim CIA gearbeitet und war auch kein schlechter Präsident.“

Zur Person: Alexander Iwanowitsch Medwedew

Alexander Iwanowitsch Medwedew (58) wurde in Schachtjorsk auf der Insel Sachalin geboren. Er ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des russischen Energiekonzerns Gazprom und Generaldirektor der Gazprom Export GmbH.

Medwedew schloss 1978 sein Studium am Moskauer Institut für Physik und Technologie ab. Er studierte Wirtschaftswissenschaften.

Von 1989 bis 1991 arbeitete er als Direktor der Donau-Bank AG in Wien, von 1998 bis 2002 war er Direktor der IMAG Investment Management and Advisory Group GmbH in Wien.

2009 führte er für Gazprom die Verhandlungen über die Erdgaslieferungen durch die Ukraine nach Westeuropa.

Neben Eishockey gibt Medwedew Fußball als Hobby an. Seit 2006 ist Gazprom Sponsor beim deutschen Bundesligisten FC Schalke 04.

Er ist verheiratet und hat Kinder.

Von Martina Wewetzer

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