Claus Weselsky sieht viel Verständnis für seine harte Haltung

Interview mit GDL-Chef: "Das ist ein Eingriff ins Grundgesetz"

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Claus Weselsky

Seit Juli vergangenen Jahres hält GDL-Chef Claus Weselsky Bahnkunden immer wieder in Atem. Am Sonntag um 9 Uhr endet der siebentägige Streik der Lokomotivführer. Beigelegt ist der Tarifkonflikt damit nicht. Notfalls ruft Weselsky die Lokführer erneut zum Streik auf.

Herr Weselsky, was hat der Streik gebracht außer viel Ärger und Wut bei den Bahnkunden? 

Claus Weselsky: Der Streik war ein absoluter Erfolg für die GDL. Denn die Fragezeichen, warum die Lokführer streiken, wieso der Weselsky die Republik wieder mit Arbeitskampfmaßnahmen beglückt, sind bei den meisten Bahnkunden gewichen. Die Menschen haben verstanden, dass das Management der Bahn sich festgelegt hat und wir es mit Prinzipienreiterei seitens des Vorstands zu tun haben.

Das wirft man Ihnen auch vor. Glauben Sie der Bahn nicht, wenn sie sagt, sie schiele nicht auf das geplante Tarifeinheitsgesetz? 

Weselsky: Ich glaube der Bahn deswegen nicht, weil das Tarifeinheitsgesetz eine vollkommen losgelöste Angelegenheit ist. Die Bahn hat sich festgelegt, sie will nur einheitliche Tarifverträge. Damit will das Unternehmen, dass für die GDL die Koalitionsfreiheit eingeschränkt wirkt. Und deswegen sage ich: Das ist der Eingriff ins Grundgesetz. Und ein solcher Eingriff ist nicht zu schlichten.

Trotzdem, der öffentliche Eindruck ist, die Bahn bewegt sich, die GDL nicht.

Zur Person

Claus Weselsky (56) stammt aus Dresden. In der DDR war der Sachse Liebhaber klassischer Musik und heute CDU-Mitglied als Lokführer unterwegs. Bei der DB ist Weselsky seit 2002 für seine gewerkschaftliche Tätigkeit freigestellt. 2008 wählte ihn die Lokführergewerkschaft GDL zum Vorsitzenden. Seit Juli 2006 gehört er dem Aufsichtsrat der DB Regio AG an. Weselsky, der mit Lebensgefährtin in Leipzig lebt, hat einen Sohn.

Weselsky: Das muss man dem Bahnvorstand in der Tat lassen: Er versorgt die Öffentlichkeit geschickt mit Informationen, die das Bild erzeugen, er würde sich bewegen. In Wahrheit stimmt das nicht. Keine unserer Forderungen ist bislang erfüllt worden. Außerdem gilt: Angebote, die öffentlich gemacht werden, haben noch nie zum Ziel geführt. Wer ein Ergebnis möchte, macht das Gegenteil. Außerdem muss ich noch einmal sagen: Wer wie die Bahn 300 Millionen Euro wegen Prinzipienreiterei verbrennt, der muss sich fragen lassen, warum er das Geld nicht einsetzt für die Tarifverträge.

Was kommt nach dem Streik, worauf müssen sich die Kunden einstellen? 

Weselsky: Ich sage den Kunden, dass der Bahnvorstand im Moment keine Lösung will. Wir werden wie geplant Sonntagfrüh den Streik beenden. Dann bin ich gespannt, was das Management aus dem Hut zaubern wird. Kommt in den nächsten Tagen wieder ein PR-Gag, und gibt es keine Bewegung seitens der Bahn, werden unsere Mitglieder erneut streikbereit sein.

Sie scheinen der Buhmann der Nation zu sein, mancher beschimpft Sie sogar als größenwahninnig. Wie gehen Sie damit um? 

Weselsky: Viele Menschen sagen, es reicht. Das weiß ich. Ich bin aber nicht dafür bekannt, besonders ängstlich zu sein. Ich erfahre zugleich viel Verständnis. Als Person führe ich auch nur das aus, was unsere Organisation beschlossen hat.

Werden Sie bedroht? 

Weselsky: Es gibt mitunter bedrohliche Mails. In der Öffentlichkeit bewege ich mich aber ganz normal.

Industrie kommt durch den Bahnstreik - mit hohen Kosten

Der Lokführerstreik bei der Deutschen Bahn hat in der Industrie bislang nicht zu größeren Produktionsausfällen geführt. Die besonders vom Schienentransport abhängigen Unternehmen der Auto- und Chemiebranche haben sich nach Angaben ihrer Verbände intensiv auf die Transportprobleme vorbereitet, die von dem bis Sonntag geplanten siebentägigen Ausstand im Güterverkehr ausgelöst worden sind. Zur Höhe der zusätzlichen Kosten machten die Verbände am Freitag keine Angaben.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) beklagt die mit jedem Streiktag stärker steigenden Logistikkosten. Vielfach musste kurzfristig von der Bahn auf den Lkw umgestellt werden, zum Teil auch auf Schiffstransporte, erklärte ein VDA-Sprecher in Berlin. Oberstes Ziel war die Aufrechterhaltung der Produktion in den Werken. In Einzelfällen sollen sogar Hubschrauber eingesetzt worden sein.

Auch die chemische Industrie ist nach Angaben ihres Verbandes VCI auf Lastwagen und Binnenschiffe ausgewichen. Hilfreich seien dabei die Erfahrungen aus den vorangegangenen Bahnstreiks gewesen. Dennoch bedeute der Streik für die Unternehmen einen immensen Kraftaufwand und hohe Kosten: "Durch den länger anhaltenden Bahnstreik nimmt die Planbarkeit ab, und sie haben weniger Zeit zu reagieren", sagte ein VCI-Sprecher in Frankfurt.

Von Hagen Strauß

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