Schleppende Fuhrpark-Modernisierung 

Kurhessenbahn fährt mit geborgten, alten Zügen hinterher - und muss vielleicht Strafe zahlen

Kassel. Schon zum Fahrplanwechsel im Dezember 2017 hatte die Kurhessenbahn 13 nagelneue Triebwagen des Herstellers Stadler und dazu 14 runderneuerte Desiro von Siemens versprochen. Dieser Zusage fährt die DB-Regio-Tochter weit hinterher.

Vertragspartner NVV bestätigte auf Anfrage, dass deshalb Strafzahlungen drohen. Mal gelb, mal rot, und sogar weiß-blau: Wenn Züge aus Franken, dem Erzgebirge oder von der Ostseeinsel Usedom im nordhessischen Regionalbahnnetz auftauchen, haben die sich nicht verfahren. Tatsächlich borgt sich die DB-Tochter Kurhessenbahn (KHB) bundesweit zusammen, was sie braucht, um den Fahrplan erfüllen zu können. Da rollen dann zwischen Kassel und Korbach, Bad Wildungen oder Treysa, von Marburg nach Brilon oder Erndtebrück schon mal auch sehr alte Triebwagen, heißt es beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV): „Solche mit hohen Stufen. Oder wenn was ist, Busse als Ersatz“.

Geplant und in Verträge gegossen war das ganz anders: Schon zum Fahrplanwechsel im Dezember 2017 hatte die KHB 13 nagelneue Triebwagen des Herstellers Stadler und dazu 14 runderneuerte Desiro von Siemens versprochen. Dieser Zusage fährt die KHB weit hinterher. Deshalb bestätigte der NVV als Verkehrsbesteller auf Anfrage, dass die DB-Tochter mit Strafzahlungen rechnen muss.

Engpass Instandsetzung?

Von den generalüberholten Zügen mit höhengleichem Einstieg und Klimaanlage seien erst drei da, so der NVV. Schuld gebe die KHB „Engpässen im Instandsetzungswerk der DB in Kassel“. Keine Leute? Andere Aufträge? Anfragen ließen DB-Pressestelle für Hessen, DB-Instandsetzungszentrale Frankfurt und KHB bis gestern ohne Antwort. Insider vermuten Überlastung: Kassel müsse ungeplant ältere Triebwagen für längeren Lauf im Sauerlandnetz durchchecken. Dort verzögert sich die Lieferung neuer Züge aus Polen seit 2016. Prototypen waren laut WDR zu breit für Deutschland. Auch die Motorisierung passte nicht ins Gebirge.

In Nordhessen kamen zur schleppenden Fuhrpark-Modernisierung offenbar auch Schnupfennasen beim Personal: Pro Bahn zufolge wurde „während der Erkältungsphase insbesondere das Netz der Kurhessenbahn getroffen, woraufhin teilweise außerhalb der Tageszeiten der Schülerbeförderung weitere Leistungen gegen Null gefahren wurden“.

Mangelstrecken

Totalausfälle oder verkürzte Züge wegen fehlender Fahrzeuge trafen laut Pro-Bahn-Übersicht vom Mai aber auch die RB/RE-Linien Frankfurt – Stadtallendorf/Treysa sowie Kassel – Frankfurt. Hessens Pro-Bahn-Vorsitzender Thomas Kraft sieht den Schwarzen Peter allerdings nicht bei den Bahngesellschaften: „Die leisten ihre Arbeit mit dem, was sie vorfinden, sehr gut. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben alles.“ Verkehrsverbünde und dahinter Bundesländer müssten mehr Geld ins System stecken, so Kraft.

Was einerseits Löcher stopft, reißt anderswo Lücken: Die Westfrankenbahn hat laut Main-Echo fünf Triebwagen nach Nordhessen an die KHB verborgt. Nach einem Zugunfall Anfang Juni in Dorfprozelten am Main muss sie dort eigene Fahrten streichen oder Busse fahren lassen.

Strafen für Regiotram-Betreiber

  • Dass Bahnunternehmen im Regionalnetz Strafe zahlen müssen, ist nicht ungewöhnlich. Im Schnitt behielten Verkehrsverbünde seit 2013 jährlich 200 Mio. Euro ein, weil die Bahnsparte DB Regio nicht die volle vereinbarte Leistung brachte.
  • Für 2013/14, zwei ganz schlechte Jahre des Regiotram-Betreibers RTG mit Personalknappheit, Zugausfällen und Verspätungen, kassierte der NVV 750.000 Euro Strafe.
  • Aktuelles Extrembeispiel: Schleswig-Holstein hält allein für den Monat Mai wegen Zugausfällen und Chaos auf der Bahnstrecke Hamburg – Sylt 500.000 Euro zurück.

Rubriklistenbild: © Archivfoto: Helmut Wenderoth

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