„Gefahr der Verschleppung wächst“: Plan International sorgt sich um die Kinder

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Spezielle Hilfe für die Kinder in Nepal: Maike Röttger trifft in einer Kinderschutzzone von Plan International die 12-jährige Susmita. Dort verbrachte das Mädchen die Wochen nach den Erdbeben. Als die Erde bebte, war sie mit ihrer Mutter und der Tante auf die Straße gerannt, das Haus war eingestürzt.

Sechs Wochen nach den Erdbeben in Nepal: Jetzt könnte der Monsun der Bevölkerung neues Leid bringen. Wir sprachen mit Maike Röttger von der Kinderhilfsorganisation Plan International.

Frau Röttger, Sie kommen gerade aus Nepal zurück. Wie ist derzeit die Lage vor Ort? 

Maike Röttger: In Kathmandu muss man inzwischen sehr genau hinsehen, um die Spuren des Erdbebens zu entdecken. Es ist viel aufräumt worden, Übergangsschulen und -häuser wurden gebaut. Dramatisch ist die Situation in den abgelegenen Orten. Die Menschen müssen zum Teil einen langen und beschwerlichen Weg bis zu den Verteilstationen zurücklegen.

Wie verhält sich die Regierung? Kümmert sie sich denn um die Betroffenen? 

Röttger: In der ländlichen Region ist die Regierung fast gar nicht präsent, und die Hilfe koordinieren dort die Hilfsorganisationen. Dazu muss man wissen: Das Misstrauen der nepalesischen Bevölkerung gegenüber der Regierung ist auch sehr groß. Sie ist politisch instabil und ist auch von Korruption geprägt.

Am 25. und 26. Juni findet eine Geberkonferenz in Brüssel statt, bei der es um die Unterstützung wirtschaftlich schwacher Länder geht. Wie wird da mit Nepal umgegangen? 

Röttger: Da wird sich zeigen, wie groß das Vertrauen der Geber in diese Regierung ist und wie diese die finanzielle Hilfe einsetzen will. Davon wird es abhängen, wie der Wiederaufbau in Nepal gelingt, denn er ist ja abhängig von finanzieller Unterstützung.

Man hört immer wieder, die Nepalesen seien so fröhliche und zuversichtliche Menschen. Wie nehmen Sie die Stimmung in Nepal wahr? 

Röttger: Die Nepalesen sind ein sehr gelassenes Volk. Das sieht man schon an den Verteilstationen: Ihnen steht die Not ins Gesicht geschrieben, und trotzdem stehen sie mit einer unglaublichen Disziplin in den Schlangen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Und dass jetzt, sechs Wochen nach dem Beben, die Zelte teilweise wieder abgebaut werden, zeigt, wie gut die Menschen das Ganze selbst in die Hand nehmen. Man vermutet, dass in Kathmandu derzeit etwa eine Million Menschen fehlen, weil sie nachhause zu ihrer Familie in die Dörfer gegangen sind, um ihnen Angehörigen zu helfen.

Inwiefern brauchen denn besonders die Kinder in Nepal Hilfe? 

Röttger: Große Sorge macht uns, dass die Gefahr der Verschleppung wächst. Nach UN-Schätzung werden bis zu 15 000 Mädchen pro Jahr über die Grenzen gebracht - und als Haussklaven oder Prostituierte verkauft. Gerade in Situationen, in denen alles unsicher ist, wächst die Gefahr, dass Schlepper auf Familien zugehen und sagen, wir nehmen euer Kind mit, bringen es dorthin, wo es sicher ist und zur Schule gehen kann.

Eine weitere Gefahr ist, dass Eltern ihre Töchter früher verheiraten. In Nepal ist es so, je älter das Mädchen ist, desto mehr Mitgift muss man ihr mitgeben. Die Eltern, die jetzt gerade alles verloren haben, werden vielleicht versuchen, ihre Mädchen so früh wie möglich zu verheiraten.

Nepal steht im Juni der Monsun bevor. Vor welche neue Herausforderung stellt er die Menschen nach dem Erdbeben? 

Röttger: Die Erde ist von den Beben gelockert. Wenn jetzt der große Regen kommt, dann kann es wieder zu Erdrutschen kommen. Freigeräumte Straßen werden dann wieder zugeschüttet. Das könnte die Katastrophe nach der Katastrophe werden. Darauf bereiten wir uns derzeit vor: Wir schauen, ob die Zelte und Übergangshäuser richtig stehen, bauen Lager auf mit allem, was in der ersten Phase wieder nötig sein wird.

Spendenkonto:  Plan International Deutschland e.V., IBAN: DE92 2512 0510 0009 4449 33, Stichwort: Erdbebenhilfe Nepal

Zur Person

Maike Röttger (48) kommt aus Kiel. Sie studierte Geschichte, Literatur und Italienisch in Hamburg und absolvierte ein Volontariat an der Axel Springer Journalistenschule. Von 1992 bis 2010 arbeitete sie als Redakteurin beim Hamburger Abendblatt. Seit Dezember 2010 ist sie Geschäftsführerin von Plan International Deutschland. Röttger hat einen Sohn und lebt in Hamburg.

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