Tiftlingerode will Modelldorf im Kampf gegen den demographischen Wandel werden

Gegen die stille Katastrophe

Mit Aufbruchstimmung gegen das Ausbluten des Dorfs: Tiftlingerode ist wie andere kleine Orte im Harzvorland nach kurzem Aufschwung von den Folgen einer sinkenden Geburtenrate wieder eingeholt worden. Foto:  dpa

Tiftlingerode. Das koreanische Fernsehen war schon da. Eine argentinische Zeitung schickte einen Korrespondenten und selbst auf der tunesischen Insel Djerba haben die Menschen schon von Tiftlingerode gehört.

Der kleine Ort im Eichsfeld hat mit zahlreichen Aktionen gegen Geburtenrückgang und schrumpfende Bevölkerung auf sich aufmerksam gemacht. Für Ortsbürgermeister Gerd Goebel ist der Kampf gegen den demographischen Wandel zu einer Lebensaufgabe geworden.

Von der Not getrieben

Er fordert eine neue Aufbruchstimmung, um die Entwicklung zu stoppen. Jüngstes Mittel zum Zweck soll ein Pilotprojekt des Landes Niedersachsen sein. „Es ist großartig, dass Ministerpräsident David McAllister bei seinem Besuch am Wochenende vor über 200 Einwohnern signalisiert hat, dass wir und weitere Orte um Duderstadt in das Pilotprojekt aufgenommen werden sollen. Es müssen noch letzte Gespräche mit dem Landwirtschaftsministerium geführt werden“, freut sich Goebel.

Das Landwirtschaftsministerium ist zwischen Küste und Harz auch für die ländliche Entwicklung zuständig. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Verbesserung der Lebensqualität, generationsübergreifende Angebote, die Wiederbelebung der Ortskerne, die bessere Platzierung von leer stehenden Häusern auf dem Markt, die Schaffung von Seniorenzentren, familienfreundliche Programme und die Verbesserung der Nahversorgung.

Die Forderung Goebels nach der Aufbruchstimmung wird von der Not getrieben. Als Goebel und seine Mitstreiter vor zehn Jahren den Kampf gegen Abwanderung und sinkende Einwohnerzahl aufnahmen, hatten sie sich das Ziel gesetzt, mit günstigen Baugrundstücken, Babyprämien, kostenlosen Leihwagen, umfassenden Betreuungsangeboten und einer bestens gestalteten Infrastruktur für Kinder und Familien, die Einwohnerzahl von rund 950 auf über 1000 anzuheben. Das gelang: Der damals sechsjährige Tilly wurde 2005 als 1000. Einwohner begrüßt. Mit seinen Eltern war er zugezogen.

Doch inzwischen ist die Einwohnerzahl wieder auf die alte Größe geschrumpft. Und schlimmeres droht: „Wenn wir nichts machen, stehen in 20 Jahren 60 bis 80 Häuser leer“, befürchtet der Ortsbürgermeister. Eine Schlüsselrolle spielen für Goebel Arbeitsplätze, um diesen Trend zu stoppen, der seit Jahren ganz Südniedersachsen erfasst.

„Wenn von 120 Abiturienten in Duderstadt 110 weggehen und nicht wieder kommen, ergibt das eine Spirale, die sich über Jahre hinweg auswirkt“, sagt der 62-Jährige. Er fordert deshalb die „richtige Unterstützung von Behörden und der Landesregierung“ zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Als Beispiele dafür nennt er die Verpflanzung von Behörden und Forschungsflächen auf das flache Land. Dass das alleine nicht ausreicht, weiß auch Goebel. Aber irgendwo muss angefangen werden, um die lautlose Katastrophe nicht sang- und klanglos hinzunehmen.

Von Hans-Peter Niesen

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.