Der Soziologe Simon Teune über die Motive der Randalierer jenseits materieller Bereicherung

Interview zu den Motiven der Randalierer: „Geht ihnen um Nervenkitzel“

In der Gruppe fühlen sie sich stark: Vermummte Randalierer verlassen ein geplündertes Geschäft im Norden Londons. Foto: dpa

Längst werden die Aufstände in Großbritannien nicht mehr allein von Sozialverlierern getragen. Unter die Randalierer mischen sich Lehrer, Jugendarbeiter, Grafikdesigner – kurz, Menschen aus der bürgerlichen Mitte. Wir sprachen mit dem Soziologen und Protestforscher Simon Teune über dieses Phänomen.

Herr Teune, was treibt Menschen mit einem geregelten Einkommen und einer soliden Kinderstube dazu, sich an den Plünderungen zu beteiligen?

Simon Teune: Ausnahmesituation üben eine starke Faszination auf die Menschen aus. Das können Sie jedes Jahr am 1. Mai in Berlin beobachten, wo auch unpolitische Menschen plötzlich bei den Krawallen mitmischen. Wenn die öffentliche Ordnung ins Wanken gerät, neigen Menschen dazu, diesen Zustand als Ventil für Frustrationen des Alltags zu benutzen.

Worum geht es den Randalierern wirklich?

Teune: In der konkreten Situation geht es ihnen vor allem um ihren Spaß. Materielle Dinge sind eine Sache, aber die Randalierer zehren auch von dem Gefühl, der Polizei überlegen zu sein. Sie sind eine sehr durchmischte Gruppe. Für manche würde es nie infrage kommen, die Polizei anzugreifen, und sie nutzen die Gelegenheit, um sich in den Läden zu bedienen. Für andere steht der Nervenkitzel, die Konfrontation mit der Obrigkeit, im Vordergrund. Es wäre aber falsch, die Motive der Aufständischen darauf zu verkürzen.

Steuern wir in Europa auf einen Werteverfall zu, der in Großbritannien gerade erst begonnen hat?

Teune: Das ist eine Standarderklärung des konservativen politischen Lagers. Der Begriff des Werteverfalls geht ja bereits davon aus, dass es mal einen Wertekanon gegeben hat, den alle Leute geteilt haben. Das halte ich für einen Mythos.

Gibt es so etwas wie eine Vorbildfunktion der gesellschaftlichen Eliten?

Teune: Die Erwartungshaltung dieser Jugendlichen aus den Problemvierteln an Politiker ist nicht besonders groß. Politische und wirtschaftliche Eliten waren für die Menschen nie ein moralischer Maßstab. Für Jugendliche sind sicherlich Popstars oder bekannte Sportler, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und es trotzdem nach oben geschafft haben, deutlich attraktiver.

Politiker bezweifeln, dass es in Deutschland ähnliche Ausschreitungen geben könnte. Was unterscheidet Tottenham von Berlin-Neukölln?

Teune: Was die Jugendarbeitslosigkeit und die Diskriminierung im Alltag betrifft, nicht viel. Viele der jungen Migranten in Berlin haben gar keine deutsche Staatsbürgerschaft, wodurch sie auch nicht die gleichen Bürgerrechte genießen wie andere. In Großbritannien ist das anders. Dort gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Anspruch, per Staatsbürgerschaft ein Teil der Gesellschaft zu sein und der sozialen Realität. Dort liegt eine Wurzel des Problems.

Von Kristin Dowe

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