Ärger über kurzlebige Artikel

Neu gekauft, bald kaputt: Verschleiß bei Technik

Osnabrück. Handmixer mit Plastikzahnrad-Getriebe sind nach spätestens drei Jahren hinüber. Darüber ärgern sich Verbraucher - und Politiker zunehmend auch.

Einstimmig unterstützten die Verbraucherschutzminister der Länder am Wochenende in Osnabrück den Vorstoß Niedersachsens, Verbraucher so zu informieren, dass sie besser zwischen kurzlebiger Billigware und langlebigeren Produkten entscheiden können.

Noch 2015 will das Umweltbundesamt (UBA) den zweiten Teil einer Studie zum geplanten Verschleiß vorlegen. Für Betrug oder dunkle Verschwörungen fand die Behörde bislang keine gerichtsverwertbaren Beweise. Laut Zwischenergebnis stieg aber der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die nach nicht einmal fünf Jahren wegen Defekten ausgetauscht wurden, von 2004 bis 2012 auf mehr als das Doppelte - von 3,5 auf 8,3 Prozent. Was zu Ursachen noch nichts sagt.

„Ich habe noch mit keinem Ingenieur gesprochen, der von seiner Firma die Anweisung bekam, eine Sollbruchstelle einzubauen. Dafür erhalten Konstrukteure genaue Vorgaben, was ein Produkt in der Herstellung kosten darf. Sie stehen unter Sparzwang“, sagte Holger Rogall, Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, der Süddeutschen Zeitung. So würden immer mehr billige und minderwertige Teile verbaut. „Hersteller planen die Lebensdauer ihrer Geräte, das ist normale Ingenieursarbeit“, weiß die Stiftung Warentest. Schön wäre es, wenn das auch Käufern verraten würde: „Hier herrscht völlige Intransparenz.“

Der Berliner Betriebswirt Stefan Schridde hat auf seinem Verbraucherportal „Murks? Nein danke!“ seit 2012 gesammelt, was über 3000 vergrätzte Verbraucher an Ärger mit Geräteschrott meldeten. Schridde: „Geplanter Verschleiß schadet allen. Er verschwendet Ressourcen, bindet Kapital, entzieht Kaufkraft und schädigt die Umwelt, ohne dass dadurch Wohlstand zunimmt.“ Verbraucher als wehrlose Opfer? Ganz so simpel sehen allerdings weder Schridde noch Umweltbundesamt die Dinge.

Stiftung Warentest assistiert: Fast jeder Zweite kaufe „innerhalb von zwei Jahren ein neues Handy - meist einfach deshalb, weil es besser ist als das alte“. Die Industrie mache sich Freude an Abwechslung zunutze, sorge dafür, „dass Produkte auch im Kopf verschleißen“. Die Politik kommt ebenfalls nicht ungeschoren davon: Die Pkw-Abwrackprämie, mit der Rot-Grün in der Wirtschaftskrise 2008 den Autoabsatz ankurbelte, gilt für die stillgelegten Pkw als geplanter Verschleiß.

Fallbeispiele: Teiletausch nicht möglich

Auswahl von Schwachstellen, die Stefan Schridde und seine Ko-Autoren 2013 für eine Studie zu geplantem Verschleiß für die Grünen identifiziert haben:

• TV, Video, Receiver: „Bei vielen Produkten konnte nachgewiesen werden, dass Elektrolytkondensatoren (ELKOs) unterdimensioniert ausgewählt wurden. Dabei liegen die Kosten für ELKOs mit positiver Wirkung auf eine Verlängerung der Nutzung um fünf bis zehn Jahre unter einem Cent.“

• Handmixer: „Rührbesen werden durch ein Schneckengetriebe bewegt. Bei bestimmten Modellen haben die Kunststoffzahnräder geringe Abriebfestigkeit. Der metallene Schneckenantrieb fräst eine Spur in die Kunststoffzahnräder.“ Ausfall im dritten Jahr, kein Tausch möglich.

• Elektrische Zahnbürsten und andere Geräte: „Immer mehr Produkte (mehr als 150) werden so konstruiert, dass ein Tausch des Akkus nicht oder nur erschwert möglich ist.“

• Notebooks: „Lüfter müssen gewartet werden, da sich am Kühlsystem für die Prozessorkühlung Staub sammelt, der regelmäßig entfernt werden muss. Aus Sorge um die Garantie öffnen viele Kunden nicht das Gehäuse. Wegen ausbleibender Wartung kommt es durch verminderte Kühlung zu teuren Schäden.“


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• „Insbesondere Haushaltsgeräte gehen heute nicht schneller und nicht häufiger kaputt als früher.“ Aber: Je billiger ein Produkt, desto kürzer droht die Lebenszeit zu bleiben: Das sagte Stiftung Warentest 2013 nach Sichtung von Produkttests aus zehn Jahren - Ausnahmen wurden eingeräumt. Bei Waschmaschinen werde es unter Preisen von 550 Euro kritisch, bei Akkubohrern unter 50 Euro, bei Staubsaugern unter 80 Euro, hieß es damals. http://zu.hna.de/murkstester

• Zwischenbericht 2015 des Umweltbundesamtes (UBA) zu geplantem Verschleiß

Hintergrund: Frankreichs Gesetz

• Frankreich will dem geplanten Produkttod per Gesetz beikommen. Nachgewiesene Fälle sollen dort künftig als Betrug mit bis zu zwei Jahren Haft und 300.000 Euro Geldstrafe geahndet werden. Dazu muss ein Produkt bewusst so gebaut werden, dass mit dem Ziel, neuen Umsatz zu machen, die Lebensdauer künstlich verkürzt wird.

• Die Regelung ist Teil eines Gesetzes zum Energiewandel, mit dem Frankreich seinen Atomstromanteil von 75 auf 50 Prozent reduzieren und den Energiebedarf halbieren will.

• Verbraucher sollen auch besser informiert werden. Auf Geräten bestimmter Preisklassen wird ein Aufkleber mit Hinweis auf die Lebensdauer Pflicht.

Interview mit  Niedersachsens Minister Meyer (Grüne)

Die Grünen haben 2013 eine Studie zu geplantem Verschleiß vorgelegt. Niedersachsen will mit den anderen Ländern dagegen vorgehen. Warum - und wie? 

Christian Meyer: Ich sehe bei manchen Herstellern da schon Fahrlässigkeiten, manches grenzt auch an Betrug am Kunden. Etwa wenn die Reparierbarkeit von Geräten zulasten der Verbraucher zurückgefahren wird, wenn bewusst stabile Materialien durch weniger haltbare ersetzt werden.

Wie kann Politik da Einhalt gebieten? 

Meyer: Von Staubsaugern über Waschmaschinen bis hin zu Hüftgelenken - wir brauchen die Kennzeichnung, wie lange solche Geräte im Durchschnitt halten und Verbraucherinformationen, wie lange Ersatzteile dafür vorgehalten werden. Wie Autos können Hersteller auch Elektro- und andere Geräte auf Qualität und Langlebigkeit testen - unabhängige Prüfstellen könnten das überwachen. Frankreich hat gerade ein Gesetz gegen den Verschleiß von Geräten im Rahmen der Energiesparpakete beschlossen.

Soll heißen: Bessere Information, um zwischen Billigware und langlebigeren Produkten entscheiden zu können? 

Meyer: Genau. Auch die Hersteller könnten so mehr Anreize erhalten, wieder stabilere und langlebigere Geräte zu produzieren. Was seriöse Unternehmen ja sowieso anstreben und was auch zum guten Ruf von Made in Germany beigetragen hat. Auch längere Gewährleistungsfristen und das längere Vorhalten von Ersatzteilen könnten der Wegwerf-Mentalität entgegenwirken. Das wäre Verbraucherschutz ebenso wie Umwelt- und Ressourcenschutz.

Wann können Kunden mit Umsetzung der Pläne rechnen? 

Meyer: Ich hoffe, dass der Bund umgehend ein Maßnahmenpaket für Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit und Ressourcenschutz vorlegt.

Rubriklistenbild: © dpa

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