Interview: Gemäldegalerie-Direktor Justus Lange

NS-Raubkunst: „Könnte einen Bezug zu Kassel geben“

München/Kassel. In einer Münchner Wohnung wurden - wie jetzt bekannt wurde - vor zweieinhalb Jahren rund 1500 Werke der Klassischen Moderne entdeckt, darunter Gemälde von Picasso, Franz Marc, Paul Klee, Henri Matisse und Max Beckmann. Dazu ein Interview mit Gemäldegalerie-Direktor Justus Lange:

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Bilderfund in München erfahren haben ?

Dr. Justus Lange: Zuerst mal Erstaunen, dass eine so große Menge verschollen geglaubter Werke in einer Privatwohnung über so lange Zeit aufbewahrt werden konnten. Und eine große Freude, dass – wenn es sich bewahrheitet – so viele Werke, von denen wir nur noch Abbildungen kennen, existieren. Das ist eine sehr gute Nachricht.

Haben Sie eine genauere Vorstellung davon, wie sich der Fund zusammensetzt ?

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Lange: Nein, ich habe nur ein Foto von dem Mehrfamilienhaus gesehen, einzelne Werke werden erwähnt. Man muss aber erst eine komplette Liste oder Fotos sehen. Vielleicht sind das auch Werke, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung gekommen sind, auf welchem Weg auch immer. Der Sammler Hildebrand Gurlitt ist ein klangvoller, schillernder Name – der taucht immer wieder auf, wenn es im Kunsthandel um Provenienzforschung und die Zeit des Nationalsozialismus geht. Von diesem Fund ist noch sehr viel an Information zu erwarten.

Die Herkunft von 500 der 1500 Werken aus der Wohnung soll geklärt sein. Worum könnte es sich bei den restlichen 1000 Werken handeln?

Lange: Es ist so, dass Hildebrand Gurlitt auch von sich aus Museen angeschrieben hat, ob sie nicht etwas hätten, was als „Entartete Kunst“ gilt. Es ist also möglich, dass jetzt Bilder dabei sind, die man nie öffentlich gesehen hat, die zum Beispiel aus Museumsdepots stammen. Ich vermute, dass ein Großteil unbekannter Werke dabei sind.

Ist es möglich, dass Bilder aus Kasseler Museen stammen?

Lange: Die Neue Galerie ist als Sammlung erst in den 1960er-Jahren gegründet worden, insofern ist sie nicht betroffen. Es gab aber in Kassel den Kunsthändler William Sinclair, ein Onkel des Schriftstellers Samuel Beckett. Sinclair setzte sich für Expressionisten ein. Aus seiner Sammlung sollen eine ganze Reihe von Werken verschwunden sein. Insofern könnte es einen Bezug zu Kassel geben.

Ist es denkbar, dass sich für die Kunstgeschichte völlig neue Erkenntnisse aus dem Münchner Fund ergeben?

Lange: Denkbar ist, dass sich neue Facetten ergeben. Wichtig ist der Fund damit für das Kapitel „Entartete Kunst“ und Handel. Es soll auch das Kunsthandelsarchiv von Hildebrand Gurlitt erhalten sein, da ergibt sich mit einem Schlag eine ganz andere Quellenbasis.

Der Sohn Cornelius Gurlitt soll im vergangenen Jahr im Kunsthaus Lempertz in Köln ein Papier-Bild von Max Beckmann für 850 000 Euro versteigert haben. Bewegt sich ein Auktionshaus da in einer Grauzone?

Lange: Wenn keine Suchmeldung vorliegt, ist das juristisch in Ordnung. Mich hat nur gewundert, dass Cornelius Gurlitt noch ein Teil des Geldes erhalten hat. Wenn man weiß, dass das Bild aus der Sammlung Alfred Flechtheim kommt und als Einlieferer der Name Gurlitt fällt, kann man eigentlich eins und eins zusammenzählen. Das ist offenbar niemandem aufgefallen.

Was würden Sie als Kunsthistoriker wünschen, was mit dem Bilderfund geschieht?

Lange: Man sollte möglichst bald eine Datenbank mit den Werken und den bisherigen Ergebnissen der Nachforschungen zugänglich machen. Das wäre für Erben, private und öffentliche Sammlungen wünschenswert, aber auch für nicht direkt betroffene Museen und Wissenschaftler.

Von Tatjana Coerschulte

Zur Person

Dr. Justus Lange (45) stammt aus Kempen am Niederrhein und studierte Kunstgeschichte in Würzburg und Salamanca (Spanien). Seit 2009 leitet Lange die Gemäldegalerie Alte Meister im Museum Wilhelmshöhe in Kassel. Er ist Leiter der Hauptabteilung Sammlungen der Museumslandschaft Hessen-Kassel (mhk). Lange ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie lebt in Kassel. (coe)

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