Schatzsuche auf Hitlers Spur:

George Clooneys neuer Film beleuchtet Kriegsende im Kalibergwerk Merkers

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Nazigold im Bergwerk Merkers

Kurz vor Kriegsende 1945: Die Nazis verstecken riesige Gold- und Kunstschätze, US-Soldaten graben sie wieder aus. Was für Hollywood-Star George Clooney Stoff seines neuen Films Monuments Men ist, hat das Dorf Merkers an der hessisch-thüringischen Grenze tatsächlich erlebt:

Die Front war schon ein paar Kilometer weiter östlich. Was Fahnder des US-Militärgeheimdienstes hinter den vorrückenden Truppen der 3. US-Armee längst ahnten, bestätigten französische Zwangsarbeiterinnen am Straßenrand: Mysteriöse Bahn-Transporte hatten in den Wochen zuvor die Kaligrube Kaiseroda II/III im thüringischen Merkers angesteuert. Geheime Kommandosache, aber das Gerücht hielt sich hartnäckig. Adolf Hitlers letzte Helfer hatten Gold der Berliner Reichsbankzentrale im Bergwerk versteckt. Sehr viel Gold – und sehr viel mehr.

Der Star kam nicht bis Merkers

Die Monuments Men, die als Film von und mit George Clooney (rechts, mit Matt Damon) am 20. Februar im Kino anlaufen, waren ab 1944 als Spezialeinheit MFAA der Alliierten unterwegs: Museumskuratoren, Historiker, Bildhauer und Architekten, meist schon jenseits der 40, sollten Kulturdenkmäler und Kunstschätze Europas vor Vernichtung oder Raub retten. In Merkers gedreht hat Clooney nicht - den schon abgemachten Termin sagte die Produktion kurzfristig wieder ab.

- Robert M. Edsels Buch The Monuments Men erschien 2013 auf Deutsch (Residenz-Verlag, 26,90 Euro)

www.monumentsmen.com

Untertagemuseum Merkers: www.erlebnisbergwerk.de

03695 / 614 101

Anfang April 1945: Berlin liegt in Schutt und Asche zerbombt, in Zügen hat das Naziregime Edelmetall, Berge von Bargeld, riesige Museums- und Bibliotheksbestände vor Bomben und Siegermächten zu retten versucht. Salzbergwerke boten sich an: jede Menge Platz, trocken, Zugänge perfekt zu kontrollieren, das unterirdische Lager notfalls mit etwas Sprengstoff für lange Zeit unerreichbar zu machen.

Merkers ist heiß: Zwei Reichsbankbeamte, Berliner Aufpasser am Schacht, wollen auf den letzten Drücker mit 200 Mio. Reichsmark aus dem Versteck das klamme Hitlerregime am Laufen halten: Geld zurück nach oben, keine Chance mehr, damit rauszukommen, Geld wieder runter – und selber weg. Beim Versuch, sich abzusetzen, laufen die Banker US-Soldaten in die Arme. Das Verhör ist ergiebig.

8. April 1945: An allen Schächten der Umgebung, durch die Kaiseroda II/III untertage zu erreichen war, stehen nun Panzer und schwer bewaffnete US-Wachtrupps. In der Nacht haben die Amis auf dem Grubengelände Dampfmaschinen anlaufen lassen, die die Förderkörbe bewegen. Gegen 10 Uhr fahren US-Offiziere 400 Meter tief ins Salz. Mit dabei ortskundige Deutsche, die den Trupp durchs Dunkle vor ein verrammeltes Stahltor lotsen. Mit einer halben Stange Dynamit sprengen sich US-Pioniere durch die Ziegelmauer daneben.

Nazigold im Bergwerk Merkers

Hinter dem Loch öffnet sich Ort 8, die Schatzkammer. Groß wie ein halbes Fußballfeld, vollgestellt mit über 1000 Säcken und Kisten, sauber in Reihen: darin 8645 Goldbarren, Platin, Silber, Halden von Fremdwährungen und Goldmünzen besetzter Länder, drei Milliarden Reichsmark in Scheinen, der Welfenschatz. Ganz hinten liegen 189 Koffer voll von Schmuck, Goldzähnen, Silberbesteck - alles platt geklopft, um mehr in die Koffer zu bekommen. Es ist Raubgut der SS, Beute auch aus Konzentrationslagern.

Wohin mit dem Nazischatz, wie alles absichern? Schon schreiben US-Blätter über das Gold von Merkers. Der Fall ist endgültig ein Politikum. Nach hektischen Telefonaten bekommt General Dwight D. Eisenhower Merkers auf den Schreibtisch. Der Oberbefehlshaber der Alliierten in Europa und spätere US-Präsident steht am 12. April 1945 mit General George Patton, Chef der 3. US-Armee, selbst in der Schatzkammer. Inmitten unglaublicher Werte, die nach dem Abkommen von Jalta an die Sowjets fallen – oder schleunigst wegmüssen.

Von Wolfgang Riek

Legenden und Wahrheit

Lag das legendäre Bernsteinzimmer auch in Merkers? Nein, sagt Ulrich Göbel, Sprecher des Kasseler K+S-Konzerns, zu dem Thüringens Werra-Kalibergwerke seit der Wende gehören. Weil es Hinweise zu Kriegseinlagerungen aus Danzig gab, wurde in den 90er-Jahren nochmal gegraben - unter Tausenden Tonnen Salz fanden sich Kirchenbücher.

• Die weltberühmte Nofretete-Büste lag hingegen wirklich im Salz von Merkers. Hier und in Nachbargruben stapelten sich zudem Berge von Plastiken und Gemälden (auch Rembrandt und Dürer), Millionen Bücher, Zehntausende Theaterkostüme.

• Eigentümerin von Merkers und Nachbargruben war damals die Kasseler Wintershall AG. Deren Hauptaktionär August Rosterg zählte zum Freundeskreis Reichsführer SS, einer Gruppe Industrieller, die Hitlers Aufstieg zur Macht beförderten. Untertage an der Werra mussten KZ-Häftlinge auch Flugzeugmotoren für BMW montieren. (wrk)

Souvenirs und weiterer Schwund

Abtransport mit Lkw-Kolonnen: Vieles am Verbleib des Schatzes liegt im Dunkeln

Am 14. April 1945 rollt eine Kolonne aus 32 Lkw der US-Army vom Grubengelände in Merkers, alle beladen, genauer: überladen mit Schätzen der Goldkammer. Unter schwerem Begleitschutz sogar aus der Luft steuert der Treck das Reichsbankgebäude in Frankfurt an. Transporte mit Kunst, Büchern, Papieren deutscher Patentämter, Akten von Krupp und Henschel aus Merkers und Nachbargruben folgen. Selbst US-Quellen führen Gerüchte an, schon auf diesen Touren sei „ein Lkw mit Gold (oder Kunst) verschwunden“.

Unstrittig ist, dass US-Soldaten sich Souvenirs aus den Nazidepots gefischt haben – wertvolle Gemälde, Bücher, Uhren. Spekulationen, Gold aus Merkers habe den Marshall-Plan zum Wiederaufbau Europas mitfinanziert, teilt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Ralf Banken nicht. „Gold, das die Nazis geraubt hatten, ist an die betreffenden Nationalbanken sowie Flüchtlingsorganisationen verteilt worden“, sagte er 2009 dem Spiegel. Auch die National- und die Gemäldegalerie Berlin bestätigten nach diesen Angaben die Rückkehr der Kunstwerke in den 1950ern.

Zum Beispiel Nofretete: Die altägyptische Pharaonengemahlin wanderte in Watte verpackt aus Merkers zum Collecting Point Wiesbaden, einer Sammelstelle der US-Army für „befreite und aufgefundene Kulturgüter“. Hier wurde die weltberühmte Büste auch ausgestellt. Und war so Teil des Re-Education-Programms, mit dem die USA die Deutschen „demokratiefähig“ machen wollten. 1955 kam Nofretete zurück nach Berlin. Ein Viertel der Bestände, die aus der Preußischen Staatsbibliothek ausgelagert wurden, kehrte hingegen nach Angaben der Studie „Bücherschicksale“ von Werner Schwochow (Verlag de Gruyter, 2003) nie mehr heim.

Eine Million dieser Bände sollen im hessischen Kalibergwerk Hattorf (Philippsthal) gelegen haben. US-Staatssekretär Stuart Eizenstat zeigte 1997 in einem 500-Seiten-Bericht zum Nazi-Raubgold, dass die USA nach Kriegsende „wissentlich Gold und Münzen aus der Merkers-Mine, die KZ-Opfern gehört hatten“, in den TGC-Entschädigungsfonds fließen ließen. Dieser Fonds beglich noch bis 1998 Raubgold-Rückforderungen, die Länder (nicht Zivilpersonen) aus der NS-Zeit gegen Deutschland hatten. (wrk) • Quellen u.a.: Greg Bradsher, Nazi Gold: The Merkers Mine Treasure, National Archives at College Park, 1999.

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