German-Wings: Im Schatten der Katastrophe

Ort des Gedenkens: Ein Stein erinnert an die Flugzeug-Katastrophe vom 24. März 2015. Zwei Fotos: Holzer

Vor vier Monaten ließ der Co-Pilot eines Germanwings-Fluges die Maschine abstürzen und riss 149 Menschen in den Tod. Stille Bergdörfer fanden sich plötzlich im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Also, um es vorsichtig auszudrücken: Der Bewohner aus Le Vernet an sich ist nicht unbedingt sehr international.“ Daniel Di Benedetto lächelt, als er die Mentalität der Menschen in diesem Bergdorf in den französischen Alpen zu umschreiben versucht. Keine 200 Menschen wohnen in den Steinhäusern, zwischen denen sich schmale Gassen schlängeln. Weil aber die atemberaubende Berglandschaft Wanderurlauber anzieht, gibt es einen Campingplatz, ein Gästehaus, ein Restaurant und ein Dorf-Bistro. Daniel Di Benedetto, der aus Korsika stammt, führt es seit sechs Jahren. „Im Sommer ist meine Terrasse voll“, sagt er. „Trotzdem war es bis vor kurzem hier immer ruhig.“

Bis vor kurzem - nämlich bis zum 24. März diesen Jahres. An dem Tag zerschellte ein Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den Alpen. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte der 27-jährige Co-Pilot, der an Depressionen und Angststörungen litt, absichtlich den Sinkflug der Maschine eingeleitet. 149 Menschen riss er mit sich in den Tod. Sie hatten 21 verschiedene Nationalitäten. Und weil in der Folge ihre Angehörigen und Medienvertreter aus aller Welt kamen, standen Le Vernet und das zehn Kilometer entfernte Seyne-les-Alpes plötzlich im internationalen Fokus.

Die Alpendörfer sind selbst nur über kurvige Bergstraßen zu erreichen, liegen aber der Absturzstelle in einem unwegsamen Gebiet noch am nächsten. So sahen sich die Bewohner konfrontiert mit dem unaussprechlichen Leid der Familien, die an den Unglücksort kamen. Für sie standen medizinisches Personal, Seelsorger und Übersetzer bereit, während vom Flugfeld in Seyne-les-Alpes aus Hubschrauber mit Feuerwehrleuten, Gendarmen, Ermittlern und Experten der Flugsicherung starteten, um nach den beiden Black Boxes zu suchen, die Todesopfer und die Trümmer der Maschine zu bergen, die über eine Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern verstreut lagen. Selten, so versicherten auch die Profis, haben sie etwas so Grausames gesehen.

Und so ging es auch den Gemeindebewohnern. „Wenn die Familien bei einem sitzen und weinen und weinen - was soll man da tun? Was soll man sagen?“, fragt Daniel Di Benedetto. Weil dringend Unterkünfte gesucht wurden, beherbergte er wie die meisten Menschen in den umliegenden Siedlungen Angehörige bei sich. Weltberühmt wurden auf diese Weise auch die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner. „Jeder hätte in dieser Situation geholfen, das ist ganz normal“, versichert der 66-Jährige. Er nahm Deutsche, Japaner, Amerikaner bei sich auf. Die Verständigung lief meist über Handzeichen.

„Wenn die Familien bei einem sitzen, und weinen und weinen - was soll man sagen?“

Am Rande von Le Vernet wurde ein Erinnerungsdenkmal für die getöteten Passagiere von Flug 4U9525 errichtet, vor dem Blumen und Kerzen stehen; daneben hängt eine Fahne mit den Flaggen der Herkunftsländer der Opfer. Heute machen hier oft Touristen Halt, wie eine vierköpfige Familie aus Nordfrankreich. „Dort hinten ist es passiert, aber es gibt keinen Zugang“, sagt der Vater und deutet auf den Berg hinter dem Erinnerungsstein.

Irgendwann in der Zukunft, so heißt es, soll auch die Absturzstelle selbst erreichbar sein. Noch steht die Reinigung des Erdreichs von Schadstoffen wie Kerosin und Öl aus. Die Bergung der Wrack- und der Leichenteile ist bereits seit April abgeschlossen, die menschlichen Überreste wurden in ihre Herkunftsländer überführt. Jene, die nicht mehr identifizierbar waren, werden heute im Rahmen einer ökumenischen Zeremonie in Le Vernet in einem Gemeinschaftsgrab bestattet.

Einem Sprecher der Lufthansa zufolge wurden die Hinterbliebenen eingeladen, auch sollen Vertreter des Managements der Fluggesellschaft kommen. Diese war in den vergangenen Tagen in die Kritik gekommen wegen ihres Entschädigungsangebots in Höhe von 50 000 Euro für materielle Schäden, weiteren 25 000 Euro Schmerzensgeld für das Leiden jedes Opfers sowie 10 000 Euro Schmerzensgeld für jeden direkten Angehörigen. Hinterbliebene der ums Leben gekommenen Schüler und Lehrerinnen aus dem westfälischen Haltern haben dies in einem offenen Brief als beleidigend zurückgewiesen. Sie fordern eine deutlich höhere Summe.

Die Angehörigen können das Unglück nicht vergessen. So wenig wie die Bewohner der Alpendörfer.

Von Birgit Holzer

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