Milde Spende war einmal

Milde Spende war einmal: Altkleider sind ein Millionengeschäft

Kassel. Altkleidersammlung - das hört sich nach Wohltätigkeit und milden Gaben an. In Wirklichkeit verbirgt sich heute dahinter ein knallhartes Geschäft, mit dem Kommunen, Modeketten und kleinere Firmen die Textilbranche in Entwicklungsländern unter Konkurrenzdruck setzen.

Zerschlissen, verwaschen, aus der Mode: 750.000 Tonnen Textilien landen pro Jahr in Altkleidersammlungen. Das Geschäft mit alter Kleidung ist in Deutschland ein Millionenmarkt. Etwa 400 Euro ist eine Tonne derzeit wert, Tendenz steigend. Das macht einen Umsatz von 300 Millionen Euro im Jahr.

Kein Wunder, dass immer mehr Sammler auf den Markt drängen. Neben karitativen Organisationen und Kommunen sammeln auch Unternehmen Altkleider für kommerzielle Zwecke.

Selbst Modeketten wie H&M mischen mit.

Über die genauen Marktanteile schweigt sich die Branche aus. Etwa 60 Prozent der Altkleider werden gewerblich gesammelt, 40 Prozent für karitative Zwecke, schätzt Thomas Ahlmann, Sprecher von „FairWertung“. Dem Verband gehören über 110 Organisationen an, die ihre gesammelten Textilien und deren Erlös für soziale Projekte verwenden.

Dubiose Altkleidergeschäfte - ein Radio-Interview:

Der Weg, den die Kleidung geht, ist der gleiche – ob gewerblich oder karitativ gesammelt. Etwa die Hälfte der Kleidung wird als Second-Hand-Ware wiederverwendet. Der Großteil davon wird nach Osteuropa oder Afrika verkauft. Kleidung, die nicht mehr getragen werden kann, wird recycelt. Aus den Fasern werden etwa Putztücher gemacht.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) gibt nach eigenen Angaben ein Zehntel seiner Sammlung an Bedürftige in Deutschland, der Rest geht den beschriebenen Weg. Mit dem Erlös von 12 Millionen Euro werden soziale Projekte finanziert.

„Aktuell sind illegale Container ein großes Ärgernis“, sagt Ahlmann. Immer mehr schwarze Schafe sammeln ohne Genehmigung – zulasten der legalen Sammler. „In einigen Regionen wurde uns ein Rückgang bis zu 20 Prozent gemeldet“, sagt Ahlmann.

Aber nicht nur illegale Händler stehen in Konkurrenz zu karitativen Sammlern. Seit dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz von 2012 polstern immer mehr Kommunen ihre Einnahmen mit dem Altkleiderhandel auf.

Ein weiterer Konkurrent auf dem hart umkämpften Altkleider-Markt ist der Moderiese H&M. Seit Anfang des Jahres können Kunden dort ausrangierte Kleidung abgeben. Im Gegenzug erhalten sie 15 Prozent Rabatt auf einen Artikel ihrer Wahl.

Von Nora Sonnabend und Verena Schulz

Geschäft der Kommunen

Göttingen

Die Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB) sammeln seit über 15 Jahren Altkleider. Derzeit gibt es knapp 80 Container des kommunalen Betriebs, in denen pro Jahr etwa 420 Tonnen Altkleider gesammelt werden. Die Textilien werden an die Bremer Firma FWS weiterverkauft, die sie teils vermarktet, teils recycelt. Der Erlös von 170 000 Euro fließt in Göttingens Gebührenhaushalt für die Abfallentsorgung.

Kassel

In Kassel gibt es 130 Altkleider-Container der Stadtreiniger Kassel. Der kommunale Betrieb mischt seit 1998 auf dem Markt mit. 2012 wurden 400 Tonnen Altkleider zusammengetragen. Die Verwertung übernimmt die EFIBA Handelsgesellschaft mbH im niedersächsischen Bassum. Die Einnahmen von rund 160 000 Euro sind nach Angaben der Stadtreiniger kostendeckend. (vsz)

Oxfam: Shops statt Container

Oxfam ist eine Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die bundesweit 39 Second-Hand-Shops betreibt. Hier können Verbraucher neben Hausrat auch Kleidung abgeben. Angenommen werden nur gewaschene Kleidungsstücke in einwandfreiem Zustand. 2011 erwirtschaftete Oxfam in Deutschland 9,3 Millionen Euro mit ihren Shops, wie die Organisation auf Anfrage mitteilte. 2,2 Millionen Euro wurden davon für die entwicklungspolitische Arbeit verwendet. Mit dem Rest wurden etwa laufende Kosten bezahlt und in neue Shops investiert. Kleidung, die nach drei Wochen nicht verkauft werden konnte, gibt Oxfam weiter. Empfänger sind Kleiderkammern, Beschäftigungsprojekte, das DRK sowie der Verband „FairWertung“. (vsz)

Das Prinzip I:Collect

I:Collect gehört zur Schweizer AG Soex Group, die nach eigenen Angaben in 74 Ländern 500 Tonnen Gebrauchtware pro Tag verwertet. Das Prinzip: In den Geschäften der Partner werden alte Kleider und Schuhe gegen Rabatte getauscht. Je nach Anbieter erhalten die Spender 50 Cent oder bis zu 15 Prozent Nachlass. I:Collect vermarktet oder recycelt die Ware. Bei den örtlichen Abfallbehörden müssen die Geschäfte ihre Sammlungen nicht angeben: Zum einen finden die Sammlungen auf privatem Gelände statt, zum anderen deklarieren die Konzerne die gesammelten Textilien nicht als Müll, sondern als Kleidung, die als solche wiederverwendet wird. (vsz)

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